Leseproben

Im Uhrenspezialgeschäft

Freitag, Mai 20th, 2011

Drama in einem Aufzug, der weder nach oben noch nach unten, geschweige denn nach rechts oder links fährt

Herausgegeben vom Verein zur Auferstehung des Kalauers e.V.
1. Präsident: Willi Weglehner
2. Präsident: Willi Weglehner
Mitglieder: Willi Weglehner
Vereidigte Sponsoren: Willi Weglehner
Kassier: Herr Keiner
Kassenprüfer: Herr Niemand
Vereinsdiener: Willi Weglehner
Beisitzer von links: Willi Weglehner
Beisitzer von rechts: nicht erwünscht
Bankverbindung: Real Zero Estate-Bank, Kalau/Niederlausitz, Konto-Nummer 000 000 000
Eingetragen im Dunkel der Registraturkammer der Kommune Kalau, Niederlausitz

Personen:

Eine Doppelrolle

Requisite:
Zwei Stühle für eine Doppelrolle

 

Grüß Gott.

Grüß Gott, der Herr. Womit kann ich Ihnen dienen?

Sie brauchen mir nicht dienen. Ich möchte eine Uhr.

Da sind Sie bei uns ganz richtig. Wir sind ein Uhrenspezialgeschäft.

Das hab ich bereits gelesen. Draußen. Ich bin nämlich kein Anal-Phabet, wenn Sie das glauben.

Ein… was?

Ein Anal-Phabet.

Ach, Sie meinen An-Alphabet?

Was soll denn das sein?

Na, da heißt es „An“. Ein „An“. vielleicht so, wie man einen Brief schreibt „an“ jemanden.

Ach, Sie schreiben Briefe an Alphabeten? Sie machen sich verdächtig. Und überhaupt: Sie bieten auch Kaffee an, wie ich sehe. Sind Sie dann ein Uhrenkaffeespezialgeschäft oder ein Kaffeeuhrenspezialgeschäft?

Das verstehe ich nicht, mein Herr. Also, Sie möchten eine Uhr kaufen.

Ein Pfund Suppenfleisch kaufe ich doch nicht bei Ihnen. Das kaufe ich auch nicht in der Apotheke, weils da dreimal soviel kostet, sondern auf dem Schlachthof, weil´s da dreimal billiger ist als beim Metzger. Ja, ich möchte eine Uhr, das ist doch klar. Eine, die man tragen kann. So wie die dort oben.

Eine Küchenuhr? Die können Sie freilich tragen, wenn Sie wollen, aber…

Oder die dort.

Das ist eine Standuhr. Da wird´s schon schwieriger mit dem Tragen.

Nein, die ertrag ich nicht.

Äh… Sie  meinen, Sie können sie nicht tragen?

Kann schon sein. Können Sie sie ertragen?

Bis vor die Geschäftstür könnte ich sie Ihnen tragen. Aber natürlich nicht heim zu Ihnen.

Das möchte ich Ihnen auch nicht geraten haben. Daheim ist nämlich meine Frau. Und außerdem ist die mir viel zu groß. Etwas Kleineres…

Ach, jetzt verstehe ich. Dann würde ich Ihnen eine Armbanduhr empfehlen.

Hm, das klingt schon besser. Weil ich mir eine Reichbanduhr wahrscheinlich nicht leisten kann. Aber arm bin ich auch nicht gerade. Sonst könnte ich mir keine Uhr kaufen.

Eine Reichbanduhr? Die gibt es doch gar nicht, mein Herr.

Gut, daß Sie das verstanden haben. Das bringt uns schon ein Stück weiter. Ich mag die reichen Protzer sowieso nicht. Die geben nur an mit ihren Armbanduhren.

Ja… darf ich Ihnen dann jetzt einige Modelle zeigen?

Nein, Modelle auf keinen Fall. Ich brauche kein Modell, weil ich eine Frau daheim habe, das hab ich Ihnen doch gerade schon gesagt. Stellen Sie sich vor, ich komme mit einem Modell heim. Was da los ist! Nixdawack mit Modellen.

Ich meine doch einige Beispiele, mein Herr.

Ach so, das soll mir recht sein. Auch wenn Uhren nicht zum Spielen da sind. Es sei denn, es handelt sich um Spieluhren. Da kenne ich mich aus. Aber Beispieluhren kenne ich nicht. Man soll ja auch lieber schlafen als beischlafen.

Also gut, wenn Sie meinen. Da hätten wir  z u m  Beispiel eine Uhr mit Stoppuhr. Da können sie Läufer stoppen.

Warum soll ich die stoppen? Die sollen doch laufen.

Oder hier eine mit Taschenrechner.

Ich kann rechnen wie ich lesen kann. Sonst wäre ich doch jetzt nicht herinnnen bei Ihnen.

Ja, also dann vielleicht eine mit einem ganz flachem Gehäuse?

Paßt denn da die Zeit rein?

Wieso die Zeit, wenn doch das Uhrwerk drinnen ist.

Ja verstehen Sie denn nicht… eine Uhr möchte ich, auf der die Zeit vergeht.

Aber mein Herr, die Zeit vergeht doch auch so. Ohne Uhren.

Warum verkaufen Sie dann überhaupt Uhren?

Damit der Kunde weiß, wie spät es ist.

Wie spät? Warum nicht, wie früh? Ich brauche eine Uhr in der Früh, weil ich da aufstehen muß.

Da wäre eine mit Leuchtzifferblatt gut. Dann sehen Sie auch, wenn es noch dunkel ist in der Früh, wie spät, äh, wie früh es ist.

Nicht schlecht. Aber der Strom wird auch immer teurer.

Das Leuchtzifferblatt braucht keinen Strom, mein Herr.

Dann lasse ich es mir gefallen.

Darf ich Ihnen die dann einpacken?

Nein, nein, jetzt ist es fast Mittag. Ich will nicht nur wissen, wie früh es ist, sondern auch, wie mittag es ist.

Gut, dann will ich sie Ihnen gleich anlegen. Ah, sieht schön aus.

Sieht der Preis auch schön aus? Wieviel kostet die?

Die kostet 325 Euro. Sie ist auch funkgesteuert, mein Herr.

325 Euro? Ich hab Ihnen doch gesagt, daß ich mir keine Reichbanduhr leisten kann. Funkgesteuert? Vom Rundfunk? Was die alles machen heutzutage Aber da zahle ich doch schon Rundfunkgebühren.

Nein, mein Herr, damit hat das überhaupt nichts zu tun. Die Uhr wird über Funk von einer Zentrale aus gesteuert, wo die Zeit ganz genau gemessen wird. Deshalb geht sie ganz genau. Auf die Sekunde.

Auf die Sekunde? Na ja, die Stunde hätte mir auch gereicht. Wenn aber die Uhr auf einer Stelle des Zifferblattes plötzlich stehen bleibt? Vergeht dann die Zeit auch? Die Zeit sieht man doch nicht.

Ja, das stimmt, die Zeit sieht man nicht. Aber die Zeit vergeht immer, mein Herr. Da brauchts keine Uhr. Außerdem bleiben Uhren heutzutage kaum mehr stehen. die Batterien halten jahrelang.

Die Batterien? Ich möchte eine Uhr, die man aufziehen kann. So wie mein Großvater eine hatte. In der Westentasche.

Eine Taschenuhr?

Ja, aber die haben sie ihm gestohlen. Im Wirtshaus. Und dann wußte er nicht mehr, wie die Zeit vergeht und blieb sitzen. Im Wrtshaus. Und am Ende ist er gestorben. Ich möchte aber noch nicht sterben, will aber trotzdem wissen, wie die Zeit vergeht. Damit ich weiß, wieviel Zeit ich noch habe, bis ich sterbe.

Nein, mein Herr, daß Sie sterben, will ich auch nicht. Aber Sie haben anscheinend soviel Zeit, daß Sie sie totschlagen können.

Wie soll ich etwas totschlagen, das ich nicht sehen kann? Daß man die Zeit nicht sehen kann, haben Sie doch grade selbst gesagt. Und wenn ich was nicht sehen kann, schlage ich doch immer daneben. Wie Sie nur sowas sagen können! Aber sterben müssen wir halt. Alle miteinander. Bloß nicht alle zur gleichen Zeit, das wäre ein schö-nes Durcheinander. Sehen Sie, da sind auf einmal wir wieder bei der Zeit. Ist das nicht interessant?

Sie nehmen also die Uhr?

Wieso nehmen? Sie haben sie mir doch schon gegeben. Ja, nicht schlecht. Aber… aber da… schauen Sie genau hin, da ist ein Fehler. Sie hat kein Rädchen zum Aufziehen.

Ja eben, weil sie elektrisch geht.

Trotzdem. Ein Rädchen zum Aufziehen gehört einfach an eine Uhr. Also, ich kaufe sie. Aber dann kostet sie weniger. Eine Uhr mit Fehler kostet weniger. Alles, was einen Fehler hat, kostet weniger. Sogar im Internet. Ich zahle 50 Euro. Wenns hoch kommt. Und keine Verhandlungsbasis, verstehen Sie?

So, jetzt hören Sie mir mal gut zu. Sie stehlen mir meine Zeit, und Zeit ist Geld. Entweder Sie zahlen den Preis oder Sie verschwinden. Her mit der Uhr! Sie sind ja verrückt.

Nein, Sie sind verrückt. Denn wenn Sie nicht verrückt wären, dann hätte man Sie nicht hierher verrückt, sondern stehen lassen, wo Sie vorher gestanden sind und Sie würden jetzt ganz woanders stehen. Da drüben im Schreibwarengeschäft  z u m  Beispiel. Habe die Ehre! Und Ihnen noch eine schöne Zeit.

Grand Prix – aus der Sonderwelt der populären Musik

Montag, August 16th, 2010

Als Amadeus gegen 22 Uhr völlig vermummt zum Rheinufer zurückgebracht wurde, schien die Kacke am Dampfen. Didi schüttelte hinter der Bühne den Leadsänger von Modern Stalking am Revers seines Glitzeranzugs.

Das war das Mieseste, was ich bisher sah in meinem Leben, du Pavianarsch! Und du Saftsack da warst auch nicht besser. Na wartet, das wird Konsequenzen haben. Das habt ihr mit Absicht gemacht. Dagegen war der müde Soundcheck heute vormittag ein Märchenauftritt. Wer hat euch dafür bezahlt? Antwort? Ich werde gerichtlich gegen euch vorgehen. Wegen positiver Vertragsverletzung. Vorsätzliche Geschäftsschädigung ist das, jawoll! Darauf stehen mindestens drei Jahre!

Friedhelm war irritiert. Nicht nur wegen der unguten Stimmung, die anscheinend durch einen schlechten Auftritt der Gruppe ausgelöst worden war.
Er war auch irritiert wegen der drei Jahre, die der Boss ins Feld führte. Ein verpatzter Künstlerauftritt fiel doch nicht unter das Strafrecht. Was quatschte der daher?

Was rede ich? Fünf Jahre! Plus anschließender Sicherungsverwahrung! Ich werde euch jetzt festnehmen lassen, ihr Pack! Security! Security, Managing Director! Knut, wo bist du?!

Knut und seine Mannen waren schon da, zückten Handschellen mit dem Firmenemblem und machten Anstalten, die beiden schreckensbleichen Künstler von Modern Stalking in Gewahrsam zu nehen.
Amadeus spürte, daß er einschreiten mußte. Er zog Didi zur Seite.

Mensch Didi, was du da tun willst, ist Freiheitsberaubung! Du kannst doch die Burschen nicht einsperren oder was auch immer. Das gehört doch in den Bereich des Zivilrechts, Mann! Die fünf Jahre kriegst dann höchstens  d u . Und zwar nach § 239 Strafgesetzbuch…

Didi stemmte die Fäuste in die Hüften und kniff die Lippen zusammen. Man sah, wie er mit sich kämpfte.

O.k., Amadeus, auf deine Verantwortung. Ich werde das durch meine Anwälte prüfen lassen.

Er wendete sich wieder den Musikern zu.

Vorerst will ich Gnade vor Recht ergehen lassen. Rechnet in jedem Fall mit fristloser Kündigung, verstanden? Und Schadensersatzforderungen in astrologischer Höhe. Die könnt ihr euch ja von dem zurückerstatten lassen, der euch dazu angestiftet hat. Haut ab, aber ein bißchen plötzlich! Amadeus, fertigmachen! Hier ist die Requisite, hat gerade noch geklappt. Das ist  d a s  Ding überhaupt. Also rein da, es ist gleich so weit.

Da stand eine mannhohe Kugel, die der Requisiteur jetzt öffnete. Und zwar genau in der Mitte zwischen dem afrikanischen und amerikanischen Kontinent.
Amadeus zuckte zurück.

Was… was ist das, Didi?

Das sieht man doch. Eine Weltkugel ist das. Du wirst einer Weltkugel entsteigen. Wie Fönix damals aus dem Aschenkasten von Rom stieg. Das ist der absolute Knaller, das Publikum wird toben. Die sind sowieso schon mega ausfgeheizt. Ungefähr 4000 Leute hocken da draußen und warten auf dich. Die Ankündigung der Sensation schlechthin,, geheimnisvoll verschlüsselt, wurde immer wieder durchgegeben, auch von den Kollegen Künstlern… außer diesen Versagern, das beweist doch, daß sie deinen Auftritt boykottieren wollten oder nicht? Vielleicht lasse ich sie doch noch festnehmen, wenn sie sich nach deiner Performance noch hier herumtreiben sollten. Was ist, geh rein da!

Friedhelm war schlohweiß im Gesicht und zitterte wie Espenlaub.

Das… das geht nicht, Didi… ich habe Platzangst, wirklich, das kann ich beweisen, mein Doktor…

Red keinen Quatsch! Es gibt kein Zurück, verstehst du? Knut, her da!

Knut, mein Freund, mein einziger Freund, bitte nicht, bitte, bitte…

Ehe Friedhelm es sich versah, war er mitsamt seinem Akkordeon in die Kugel gezwängt, und die Scharniere schnappten zu. Die Kugel hing an einem Seil und wurde etwa zehn Meter hochgezogen. Dann schwenkte der lange Arm des Krans in  Richtung Bühne.
Joe wollte soeben die Regler für das Playback hochfahren, als im Publikum Unruhe entstand.
Trillerpfeifen gellten über das Gelände, Transparente wurden entrollt.

ES GIBT NUR EINEN HEINI

FINGER WEG VON HEINI

Die Störer, mehrere Kleingruppen, die sich geschickt unter das Publikum gemischt hatten, skandierten Hei-ni, Hei-ni, Hei-ni, Hei-ni und bliesen in die Trillerpfeifen, als sei der halbe Deutsche Gewerkschaftsbund versammelt.
Didi kochte vor Wut.

Los, Joe, ganze Lautstärke! Die werden wir wegblasen. Wetten, daß das mit Modern Stalking zusammenhängt? Das wird einen Prozeß geben, einen Jahrhundertprozeß, das verspreche ich dir. Wir müssen anfangen, sonst geht Amadeus uns ein in der Kugel. Gib Gas, Joe, James Wattson soll in seinem Grab tanzen!

Als Joe startete, war von den Trillerpfeifen nichts mehr zu hören, die Transparente verschwunden.
Didi blieb keine Zeit mehr weiterzurätseln, denn Knut meldete, die Burschen seien bereits eliminiert und festgesetzt. Er würde schon herausfinden, was das zu bedeuten hätte.
Didi sprang auf die Bühne wie ein Hartgummiball, breitete die Arme aus und verbeugte sich fast bis zu den Brettern. Tosender Applaus belohnte ihn für diese Geste der geschäftsmäßigen Unterwerfung.

Liebe Freunde, es ist soweit. Ich habe die große Ehre, euch jetzt das Jahrhundertereignis anzukündigen, auf das ihr so lange gewartet habt. Laßt euch überraschen, ihr werdet diese absolute Weltpremiere nie vergessen. Die Welt gebiert ein Genie, seht selbst! Ten, nine, eight…

Während des Countdowns, den er stimmgewaltig steigerte, schwebte in Zeitlupe die Weltkugel hernieder. Gleichzeitig zerplatzten die ersten Granaten eines Riesenfeuerwerks, und der Kölner Dom zuckte unter den Kanonen des Laserstroposkops. Aus verborgenen Kratern auf der Bühne, die in bengalischen Feuern erglühte, schossen Geysire von gebündelten Flammen.

Zero! Ground Controll! We have Touch-Down! Whoooouuuwh.. Hier ist… Ammmmadeus Emmmmmmmmmm!!!.

Wie von Geisterhand öffnete sich die Kugel zwischen den auseinandertriftenden Kontinenten, und Friedhelm fiel heraus.
Sofort war Nina zur Stelle, die beinahe vergangen war, als man ihren Amadeus dort hinein verbannt hatte. Geistesgegenwärtig tat sie, als müßte sie den Zitternden von den Eierschalen seiner Geburt befreien.
Didi war mit einem Sprung neben dem seekranken Künstler und warf ihm ohne Rücksicht auf Verluste das Akkordeon über die Schulter.
Joe fuhr übergangslos in das Playback des Hits ein, an dem er so lange gerackert hatte, und ab ging die Post.
Glücklicherweise lenkten die Chorstatistenmädels unter Gretchens Führung das Publikum so lange ab, bis dieses fast erschlagen wurde von der Perle Tirols, die nun in wummernden Wogen eines knallharten Vierviertelbeats aus dem grünen Inn über das Rheinufer von Köln schwappte.
Nina schwitzte nach wenigen Sekunden, als sei sie soeben nicht wie ihr Amadeus aus der Weltkugel, sondern aus der Sauna gestiegen, stützte Amadeus hinter dem Vorhang der choreographisch perfekt tanzenden Girls so gut es ging und schrie sich die Seele aus dem Leib

... Kufstein, Kustein, grüner Inn…
… Perle, Perle, mittendrin…
… Urlaub, Urlaub wieder aus…
… und ich hock allein zuhaus…
… Berge, Berge, himmelwärts…
… Kufstein, fühlst du meinen Schmerz…

Aber auch Amadeus hatte sich schneller gefangen, als er es sich selbst zugetraut hätte. Seine Motivation war eine Stinkwut auf Didi und seinen „Freund“ Knut. Sie bezwang sogar die Nachwirkungen der kurzen Claustrophobie, für die er ein medizinisches Gutachten vorweisen konnte.
Nach sieben Minuten war der Spuk von Kufstein und dem Junge, der nie wieder hinausfahren sollte, vorüber.
Didi ließ keine Zugabe zu, obwohl die Massen tobten und schrien wie sonst nur im Stadion, wenn einige Bayern aus München gegen irgendwelche Preußen im Westen oder hoch im Norden Fußball spielten.
Friedhelm sank hinter der Bühne ins Gras. Er hatte von allem fast nichts mitbekommen. Nina kniete neben ihm, streichelte ohne Unterlaß sein Gesicht und weinte Tränen des Glücks.
Didi erschien mit von Stolz geschwellter Brust.

Das war´s, Junge. Für´s erste, will ich sagen. Glückwunsch. Warum sagtest du mir das mit der Platzangst nicht vorher? Hätte auch schiefgehen können. Darf nicht mehr passieren in Zukunft, sowas. War ohnehin schwer genug, eine Weltkugel für dich zu kriegen. Sowas haben sonst nur die Amis. Auch die werden sich noch wundern, das verspreche ich ihrem Präsidenten hiermit in die Hand.

Knut kam herbei.

Chef, ich hab´ mich ein bißchen mit den Störern unterhalten. War leider hochnotpeinlich, weil sie zuerst nicht rausrücken wollten. Aber dann redeten sie, besser gesagt, sie sangen wie die Chormädels. Alle einzeln und schön der Reihe nach und vor allem übereinstimmend. Halt dich fest: Ihr Auftraggeber ist Frankie Fahrenheit. Mehrere schriftliche Geständnisse liegen vor. Was sagst du jetzt, hm?

Didi schlug sich auf die Schenkel und meckerte wie nie zuvor.

Mensch Mann, Knut, Konjo, du bist´n Faß! Hey, Joe, das paßt wunderbar! Jetzt hab´ ich ihn in der Hand. Wenn das alles so richtig angelaufen ist, werde ich ihn an die Wand drücken: Entweder Zustimmung zu Amadeus Emmm mmmeets Mmmmozarts Black Sisters Money Emmm oder einen Ausflug in astrologische Schadensersatzforderungshöhen! Da wird er zucken, der alte Möchtegern, he, hehehehe, he, he…

Astronomisch, Didi…

Wat meinste? Das wird´n Schlachtefest, sag´ ich euch! Seht euch nur die Leute da draußen an, wie sie toben! Da müßte er ja außerdem saudumm sein, wenn er nicht sogar freiwillig mitzöge. Aber ihn jetzt in der Hand zu haben, ist mir das größte Vergnügen seit langem.

Die Leute draußen waren tatsächlich vollkommen aus dem Häuschen. Friedhelm, dem noch immer ganz blümerant war, wurde deshalb mit einer Wolldecke verhüllt und durch die Massen bugsiert.

A-ma-deusEmm, A-ma-deusEmm, A-ma-deusEmm…

Er hörte es zwar, doch es war ihm völlig schnuppe. Ein zweites Mal würde er sich das nicht gefallen lassen. Und wenn er die ganze Welt in Miniatur zerschlüge.

“Flieg, Engerl” Psycho-Drama, Roman

Donnerstag, August 5th, 2010

Hof des Bergbauern Egid Hohenegger und seiner Frau Lena bei Scharnitz, Tirol
Sommer 1917, derselbe Werktag zur Nacht

IX. Gewalt und Schuld

Lena schrak hoch. Es war Nacht geworden. Sie sah auf die Uhr an der Wand. Was war ihr da in ein paar Stunden alles durch den Kopf gegangen, daß sie alles um sich herum vergessen hatte? Von A bis Z alles hochgekommen, in den kleinsten Kleinigkeiten, die aber nur scheinbar Kleinigkeiten gewesen waren, in ihrer Summe dagegen ein Leben widerspiegelten, das kein Leben war, sondern ein unerbittlicher Kampf um das Leben.
Egid war noch immer nicht heimgekommen. Wie so oft schon. Sie aber hatte lange in banger Erwartung gehofft. Wie so oft schon.
Kein Abendbrot.
O Hoffnung…
Bertl, der ab und zu einen Laib Brot, Käse und sogar etwas Wurst gebracht hatte, war auch schon eine ganze Weile nicht mehr gekommen. Er hatte es angedeutet: Der Krieg frißt den Menschen auch noch das vom Teller, was sie dringend zum Leben brauchen.
Sie brachte die Kinder zu Bett, die nicht fragten und legte sich dann selbst hin. Das war das beste Mittel gegen den Hunger.
Da erhellte ein Blitz die Schlafkammer.
Also doch ein Gewitter. Es hatte nicht so aussgesehen heute, den ganzen Tag nicht, doch hier oben sah alles anders aus, als es in Wirklichkeit war, dachte Lena bekümmert.
Ein Blitz?
Der Blitz blieb stehen, mitten im Raum. Kein Donner folgte. Merkwürdig, es hatte kein Wetterleuchten gegeben. Und das ferne Grollen, das ein Gewitter ankündigte, auch nicht.
Der Blitz war zudem nicht grell wie sonst, daß einem nachts die Augen verblendet wurden.
Sein Lich war mild.
Verwundert sah Lena um sich.
Der Blitz hatte sich aufgefächert im Licht einer Unmenge von Kerzen, die überall standen, wo ein wenig Platz dafür war. Golden spendeten ihre kleinen Flämmchen warme Helligkeit und vertrieben gegenseitig die winzigen Schatten, die sie warfen.
Sie stand auf, um das Wunder genauer zu betrachten.

Gott zum Gruße, meine liebe Lena.

Ein heißer Schauer fuhr Lena über den Rücken. Die Stimme! Hanneles Stimme. Langsam drehte sie sich um. Da saß Hannele in der Ecke und drehte lächelnd einen Strauß Himmelsschlüssel in den Händen.

Für dich Lena. Ich möchte dich um Verzeihung bitten, daß ich mich so lange nicht sehen lassen habe. Ich wollte euch einfach nicht stören in euerem Glück. Aber jetzt wollen wir erst einmal essen.

Sie erhob sich, umarmte Lena, die anfing zu weinen und weckte der Reihe nach die Kinder auf. Mit großen, ungläubigen Augen bestaunten sie das fremde Mädchen in dem hellen Glanz, der es umgab.

Habt keine Angst, Kinder. Ich bin Hannele, die beste Freundin euerer Mutter. Ich weiß, daß ihr Hunger habt. Kommt, setzt euch an den Tisch. Ich habe euch feine Sachen mitgebracht.

Da stand eine Schüssel mit duftenden Bratenstücken und Würsten auf dem kleinen Tischchen am Fenster. Und als ob das nicht reichte, zauberte sie auch noch einen Krug Wein aus ihrem Bündel.
In die Kinder kam Leben. Sie sprangen von ihren Strohschütten, drängten sich neugierig um den unbekannten Besuch und hatten  keine Spur von Scheu mehr. Jedes wollte Hanneles Hände ergreifen.
Nur Josef stand etwas abseits. Seine Augen leuchteten. Verwirrt schaute er dem Treiben um das hübsche Mädchen zu.
Lena, von ihrer Überraschung gelöst, betrachtete ihn verstohlen. Das war doch mehr als Bewunderung…
Schmerzhaft fiel ihr die erste Begegnung mit Egid ein. Das war auch mehr als Bewunderung gewesen – von ihr aus. Aber Josef war doch noch ein Kind. Zehn Jahre alt… na, wer wußte, was in einem zehnjährigen Buben schon alles vor sich gehen konnte.
Hannele hatte Mühe, die Kinder zu bewegen, sich an das Tischchen mit den Köstlichkeiten zu setzen. Auch das war sehr merkwürdig, denn ihre Gesichter waren vom Hunger gezeichnet.

Wir wollen tanzen, Hannele…

Ja, mit dir wollen wir tanzen…

Du bist eine Königin, Hannele…

Putzmunter sprangen sie um Hannele herum und formten einen Ringelreihen in der engen Stube.

Zum Tanze da geht ein Mädel
mit goldenem Band
das schlingt sie den lieben Kindern
ganz fest um die Hand
Hoi heissa, hoi heissa
ganz fest um die Hand

Woher kennen die das Lied? fragte sich Lena. Nie hatte sie mit ihnen ein Tanzlied gesungen oder gar getanzt. Das wollte sie sich für später aufheben.

Ihr müßt jetzt Hannele folgen, sie ist nicht nur unser lieber Gast, sondern hat uns feine Sachen mitgebracht. Setzt euch, ihr habt doch Hunger. Fast zwei Jahre lang habt ihr schon Hunger, nun eßt, Kinder!

Endlich setzten sie sich und aßen. Hannele sah ihnen zu. Sie habe schon im Himmel gegessen, erklärte sie den fragenden Gesichtern.
Im Himmel? wollten sie wissen. Dort droben? deuteten sie an die Stubendecke.
Nein, noch viel weiter oben, lachte Hannele.
Ob es im Himmel jeden Tag so gute Sachen gebe?
Ja, der Himmel hat alles, erwiderte Hannele.
Dann wollten sie mit ihr in den Himmel, lärmte die Schar.
Auch Josef war nicht mehr scheu.

Ich gehe mit dir zum himmlischen Traualtar, Hannele. Und Petrus steckt uns die Ringe an. Dann muß Mutter weinen wie Frau Eule auf der Vogelhochzeit.

Hannele gab ihm einen Kuß, und die Geschwister verbeugten sich vor ihm, als sei er der Himmelskönig.

Und jetzt wollen wir wieder tanzen, Hannele. Den Hochzeitstanz. Los, wir tanzen den Hochzeitstanz!

Sie warfen die Schüssel um, daß die Bratenstücke und Würste über den Fußboden kugelten, drehten sich um sich selbst wie ein Knäuel von Wirbelwinden und aus flehenden Mündern schallte es hohl Hunger! Hunger! Hunger! Wir verhungern! Du läßt uns verhungern, Mutter, das ist eine große Sünde! Dein Vater wird dich strafen dafür…
Lena stürzte sich auf die Würste und Bratenstücke, schlang alles, was sie erwischen konnte in sich hinein, doch auch ihr Hunger wich nicht.
Ein dumpfes Stampfen auf der Brücke über den Eisbach übertönte alle Hungerschreie der Kinder.
Tok, tok, tok…
Unregelmäßig klang es. Wie immer, wenn er aus dem Wirtshaus kam.
Schlagartig war es dunkel in der Stube.

Hannele, Hannele, wo bist du?… ich dachte, wir wollten  essen… jetzt kommt er, was wird es wieder geben? Bitte, bitte, bleib da, Hannele…

Doch es war und blieb stockfinster in der Schlafstube. Regelmäßig atmeten die Kinder auf ihren Strohsäcken. Voller Angst kroch Lena ins Bett. Dann flog krachend die Tür auf.

He… wo bist du… Vroni? Ich weiß, daß du da bist… ich erwische dich schon… komm, zier´ dich nicht, Vroni, wo bist du?… Jetzt gehörst du mir, wart´, jetzt werd´ ich es dir besorgen, anständig besorgen werd´ ich es dir… du hast mich lang genug an der Nase rumgeführt…

Ein Stuhl fiel um. Dann noch einer. Die Kinder wachten auf. Unterdrücktes Schluchzen war von ihren Strohschütten zu hören. Sie ahnten kommendes Unheil, wie immer, wenn der Vater  getrunken hatte.
Die Bettstatt vibrierte. Er hielt sich daran fest. Noch zweimal tok… tok.
Jetzt riß er die Bettdecke zurück, tastete nach Lenas Körper.  Stocksteif lag sie dort.
Er warf sich auf sie, die keinen Laut von sich gab. Sie preßte die Beine zusammen, doch er zwang sie mit Kraft des Betrunkenen, der noch nicht zuviel hatte, auseinander. Sie stieß mit Armen und Füßen nach ihm, griff ihm ins Gesicht, drückte den schwitzenden, Schnaps und Tabakrauch ausdünstenden Kopf weg, riß an seinen Haaren, schlug, kratzte, biß.
Das stachelte ihn noch mehr an.

Aah, eine Katz´… eine Wildkatz´… so ist es recht, das hab´ ich mir gleich gedacht… und eine Wildkatz´ brauche ich, ich hab´ gewußt, daß du kein fades Weibsbild bist…

Wild schnaufend drückte er ihre Arme nieder, ihre Kräfte erlahmten, die Luft blieb weg. Sie ließ es geschehen.
Die Bettstatt bebte unter den Stößen des mächtigen Männerleibs, und der Holzstumpf rammte im zerstörerischen Rhythmus der Urgewalt gegen die Bettlade, als habe er sich in das Gatter des Sägewerks verwandelt. Knurrend kamen Wortfetzen über seine geifernden Lippen, die nur Lena hören konnte.

So, Vroni… jetzt gehörst du mir, du Luder!… Wie lange… hast du… mich zappeln lassen… jetzt hab´ich dich… das Weib… sei dem Manne untertan, hast du gehört? Aah, wie… gefällt´s dir … Vroni, du verdammtes Luder?

Die Kleinen schluchzten lauter. Wußten sie, was geschah? Sie hatte es nicht gewußt, wenn der Vater über die Mutter hergefal-len war, sondern geglaubt, er wollte sie aus dem Bett werfen, um es für sich allein zu haben.
Josef wagte ein verzweifeltes Vater… nicht…
Der hatte kein Ohr in seiner Raserei. Lena flehte.

Bitte, Egid… bitte…

Das Weib sei dem Manne untertan! Hab´ ich gerade gesagt, Vroni! Halt´s Maul… ich bin dein Herr… so steht´s in der Schrift, der heiligen, kapierst du?

Lenas Lippen bewegten sich im stummen Gebet. Ihre Worte hörte sie nur in den eigenen Ohren Ave Maria, gratia plena… Ave Maria, gratia plena… Ave Maria… laß es vorübergehen, laß mich nicht wieder schwanger werden, bitte, bitte, laß es nicht zu… soll ich ihn hassen lernen, heilige Maria? Bitte, bitte, kein Kind mehr…

Das infernalische Zusammenspiel von Erschütterung und rohen Flüchen, von tierischem Grunzen, Schnapsdunst und Männerschweiß steigerte sich zum Höllenreigen, das Bett ächzte und schien am Auseinanderbrechen.
Draußen riß die Wolkendecke auf, und der Mond erleuchtete kurz den Raum. Da sah sie seinen Kopf.
Es war der Kopf, auf den mit dem Holzscheit geschlagen hatte. Ein entsetzliches Grauen erfüllte sie.

Vater!

Er war es, und er tat mit ihr, seiner eigenen Tochter, was er so oft mit der Mutter getan hatte. Der Mutter, die um Gnade gewinselt, gefleht, gewimmert und Schmerzensschreie ausgestoßen hatte gegen seine tierische Gewalt. Damals hatte sie es nicht begriffen auf ihrer Strohschütte in der Ecke. Und nun war sie selbst dran.
Der Alte lag auf ihr und tobte seine ekligen Gelüste aus. Er war wiedergekommen, obwohl er sich in den Eisbach gestürzt hatte. Großer Gott, warum? Warum nur?
War er ein Untoter, einer, der nie Ruhe finden konnte für seine Taten? Und es doch weiter tun durfte?
Hannele, warum bist du fort? Du hättest ihm ein Holzscheit auf den irren Kopf schlagen können, du hast die Himmelsmacht, aber du bist einfach fortgelaufen!

Vater! Was tust du? Du kannst doch nicht… ich bin deine Tochter, die Lena! Hör auf, Vater, bitte, hör auf… Hilf, heilige Mutter Gottes, hilf doch endlich!

Sie schrie es hinaus, aber auch das hörte der Wüstling nicht in seinen niederen Trieben. Wenige Sekunden später bäumte er sich auf und sackte dann zusammen. Nur noch sein Schnaufen und das Weinen der Kinder war zu hören.
Er erhob sich mühselig und verschwand wortlos aus der Schlafkammer.
Lena fühlte sich besudelt. Schmutzig, dreckig, verseucht, aussätzig.
Der Vater?
Nein, Egid…
Und wenn es doch der Vater gewesen war? Sie hatte kein Gesicht gesehen, nur den verhaßten Kopf, nur Gestank und Dreck gerochen.
Das Tok, Tok vorher? Das hatte er vorgetäuscht, der alte Unhold… ja, um die Spur auf Egid zu lenken. O großer Gott, warum das alles? Wo ist deine Gerechtigkeit?
Sie sah sich um. Wo war Hannele? Warum hatte sie das zugelassen? Aus Angst? Hatte sogar Hannele Angst vor  dem Ungeheuer?
Sie stand auf, ging hinaus zum Brunnen und wusch sich. Hatte das einen Sinn? Konnte man solchen Schmutz wegwaschen? Was würde aus dem Schmutz entstehen?
Was, wenn das nächste Kind daraus entstehen würde? Es wäre  ein Kind des Unrats. Heilige Mutter Maria, du Unbefleckte! Du hast keinen Schmutz empfangen. Ich aber gehöre zu den Befleckten, zu den Beschmutzten. Warum habe ich nur nachgegeben? Warum bin ich nicht gestorben, statt mich beschmutzen zu lassen?
Lautlos weinte sie am Brunnenrand.
Egid blieb fort. Sie war froh darüber, von ganzem Herzen froh. Und da fragte sie sich, warum sie nicht gehört hatte, daß er sich in die Eisbachklamm stürzte.
Weil er es nicht getan hatte?
Inbrünstig hoffte sie, er hätte es getan. Sie wünschte ihn zur Hölle.
Als er am Morgen noch immer nicht zurück war, ging sie zur Eisbachbrücke. Warum?
Wenn er sich hinuntergestürzt hatte, dann war nicht viel übrig von ihm.
Oder weil es doch der Vater war, während Egid noch immer im Wirtshaus saß?
Aber man kann sich nicht zweimal zu Tode stürzen…
Einerlei,  was geschehen war und wer es war, es hieß nur, das Unglück ginge weiter.