Leseproben

Internierung – Singet dem Herrn

Mittwoch, März 24th, 2010

Nun, da wir inzwischen schon etwa bei der Mitte meiner Aufzeichungen angekommen sind, will ich das, was ich vordem als “gravierende Einzelheiten” bezeichnete, näher erzählen. Ich sehe es als die niedrigsten Höhepunkte meines Lebens, nie vorher, nie nachher so unmittelbar erlebt.
Dr. Dreschflegel prügelte aus Frust oder anderen niederen Beweggründen. Der TEUFEL prügelte zum Lobe Gottes.

Also, Fall 1:
Der Schüler Kurt Wirsing aus Hof, 2. Alt.
Während einer Gesamtchorprobe klappte irgendwas nicht in dieser Stimme. Der TEUFEL: Das klingt ja, als ob man einer Katze auf den Schwanz tritt.
Anonyme Stimme aus der Gegend des zweiten Altes: Miauu!
Der TEUFEL: Wer war das?
Dabei blitzten seine Augen, der Tonfall klang nach Angriff, es herrschte Grabesstille.
Und Kurti meldete sich.
Der TEUFEL: Komm vooor!
Wie oft mußte ich dieses Komm vooor wie die gleißend-gelbe Luft am Horizont vor einem Hagelschlag im Laufe der Jahre noch hören, natürlich nur bei den Knabenstimmen.
Nein, ich muß mich korrigieren; einmal galt es einem, der schon älter war. Es gehört dazu, also dann Fall 4 später.

Kurti ging nach vorne, der TEUFEL stürzte wie ein Irrer vom Direktionspodest herab, legte alle Masse seines Körpers im freien Flug mit der Schlagkräftigkeit seiner Arme und der Abortdeckelgröße seiner Hände zusammen und schlug derart auf den armen Kurti ein, daß dieser nach einigen Sekunden zu Boden ging.
Das war IHM noch nicht genug. Vielleicht wollte er sich nicht bücken; vielleicht fühlte er das Lob Gottes in seine Beine eindringen; er stieß den sich windenden Kurt mit Füßen, wo er ihn traf.
Im Chorsaal herrschte lähmendes, gespenstisches Entsetzen. Nicht einmal einer der schon fast zwanzigjährigen Männerstimmen wagte einen Einwand.

Fall 2:
Motette St.Lorenz, Nürnberg, Chorempore.
Hierzu muß man die örtlichen Verhältnisse näher kennen. Ich werde versuchen, diese zum Verständnis des Nachfolgenden zu beschreiben.
Die Empore befindet sich im Westteil der Kirche auf etwa zehn Metern Höhe über dem Grund des Kirchenschiffes und ist sehr eng, weil direkt dahinter das Pfeifenwerk der phantastischen Orgel angeordnet ist. Ich würde sagen, drei Meter von der Brüstung bis dorthin. In der Breite vielleicht 10 Meter, denn der Spieltisch der Orgel nimmt auch einigen Raum ein.
Auf dieser Fläche hatte der WINDSBACHER KNABENCHOR mit ca 70 Sängern Platz zu finden. Das ging schon einigermaßen.
Äußerst schwierig war es jedoch für uns, die wir in der ersten Reihe standen. Erster und zweiter Sopran, direkt vor der Brüstung, die etwa einen Meter hoch, und in deren Mitte ein Podest in Richtung Kirchenschiff hinausgebaut war, auf dem der TEUFEL dirigierte.
Man stelle sich deshalb vor: Ich war Flügelmann des ersten Sopranes, Hans-Peter Krippner aus Langenzenn bei Fürth der des zweiten Sopranes. Und wir waren gerade so groß, daß wir die Schuhspitzen des TEUFELS direkt vor unserer Brust hatten. Und wir mußten, um ihn dirigieren zu sehen, den Kopf in eine völlig unnatürliche Schräglage nach hinten bringen. Wer versucht, in dieser Lage zu sprechen, wird sich wundern, daß wir so singen konnten, und zwar immer wieder bis zum zweigestrichenen G und höher.
Wieder klappte was nicht, diesmal im zweiten Sopran. Eine Nuance zu tief vielleicht, was keiner hörte. ER schon, denn er zischte: Zweiter Sopran, zu tief! Und nochmal: Zweiter Sopran, zu tief!
Die Mimik dazu und ein beginnendes nervöses Zucken dieses so mächtig über uns agierenden Mannes ließ mich, der ich neben Krippner stand und sang, was das Zeug hielt – unter den entsprechenden Umständen natürlich – um nicht seinem Zorn auch noch anheimzufallen, ahnen, daß etwas in der Luft lag.
Und es entlud sich in dem Augenblick, als ich es dachte:
Ich sehe noch seine spitzen Schuhe, von denen einer vorflog und Krippner mit voller Wucht an der knabenhaften Brust traf.
Dieser taumelte so heftig zurück, daß über die kurze Distanz von drei Metern auch noch die Männerstimmen vor dem Pfeifenwerk ins Wanken gerieten.
Merkwürdigerweise sangen alle weiter, ohne von dem Vorfall mehr Kenntnis zu nehmen als nötig. Aus Angst natürlich. Ich jedenfalls habe fast in die Hose geschissen und sang auch weiter.
Aus Angst natürlich.
Angst war der Angelpunkt dieser Jahre. Angst ist angeboren, wohnt nicht nur dem Menschen, sondern jedem sich bewegenden Wesen von Alpha bis Omega inne. Angst ist deshalb natürlich, warum, weiß nur der Allmächtige.  Aber Angst kann verstärkt, forciert, bis zur Perversion getrieben werden für den, den es zu ängstigen gilt. Eine Binsenweisheit. Ich mußte es immer wieder spüren, mich gejagt fühlen, ein schlechtes Gewissen haben, wo ich ging und stand. Das war die Erziehungsmethode dieser GOTTESSTELLVERTRETER!
Glück haben, heißt unter anderem für mich seit dieser Zeit, Angst soweit wie möglich zu reduzieren. Die meisten Menschen reden nicht über die Angst, weil sie sie haben und sich ihrer schämen.
Ich habe es zeitweise mit Epikur probiert. Es gelang mir nicht, meine “Furcht zu überwinden”.

Ich glaube sogar, daß es auch diesem alten Knaben nicht gelungen ist, denn Angst in der eben beschriebenen Systemfunktion kann nie überwunden werden.
Mein Vater zum Beispiel hatte sein Kriegs-Trauma, eine Angst, die, gepaart mit der Urangst des Menschen an sich, wohl kaum ihresgleichen finden kann.
Wie klein also war meine Angst dagegen. Und dennoch: Jede Angst hat ihren eigenen Stellenwert für den, der sie empfindet.

Fall 3: Ein Kurzfall, der sich an einem Sonntagvormittag im Gemeindesaal der Kirchengemeinde St. Egidien/Nürnberg ereignete. Die näheren Umstände sind mir nicht mehr im Gedächntnis, ich weiß also nicht, warum Wilfried Jung aus Altenmuhr bei Gunzenhausen ähnlich wie Kurti von IHM geprügelt und getreten wurde. Man stumpft ab.

Fall 4: Der Fall des Schülers Seidel, nach alter Zählung siebte Klasse, heute elfte. Seidel war Männerstimme, an die sich der TEUFEL körperlich eigentlich nicht ranwagte.
Aber Seidel kam zu spät – mir kam er immer wie ein wertvoller Luftikus vor – versuchte, sich nach hinten zu schleichen, ein unmöglicher Versuch. Der TEUFEL hatte seine Augen überall, stoppte ihn auf halber Höhe.
Wie immer: Komm vooor!
Zusatz: Nimm die Brille ab!
Denn Seidel war Brillenträger.
Er fotzte ihm rechts, links eine, wollte damit möglicherweise für uns Knabenstimmen exemplarisieren, daß wir auch mit dem Wachsen der Stierhaare keine Chance gegen IHN hätten.

Fall 5: Das war mein eigener und auch der einzige direkte Tatbestand der körperlichen Mißhandlung durch IHN.
Wir hatten staatlichen Musikunterricht im Chorhaus, das der humanistischen Lehranstalt, welche ohne das Internat nicht hätte existieren können, in Absprache bzw. vertraglich zeitweise überlassen wurde.
Nicht das ganze, sondern nur der Chorsaal.
Wir hatten also Musikunterricht im Chorsaal, und zwar zu dieser Zeit nicht durch den TEUFEL selbst – später dann wohl – nun aber durch den Klavierlehrer H.
Diesem war ich sowieso über mindestens anderthalb Jahre ausgeliefert gewesen, als er mir während des Klavierunterrichtes zur Schulung des Taktgefühles ständig ein Lineal in den Rücken stieß mit den Worten: Einede, zweiede, dreiede, vierede. Dies sind zum Beispiel Viertelnoten, es können aber auch Triolen sein. Es kann aber auch ein Sechs-Achtel-Takt sein, oder gar ein Neun-Achtel auf vier Viertel umgesetzt.
H. hatte jedenfalls immer sein Brot und seine Thermoskanne dabei während des Klavierunterrichtes in den Zellen und stieß mit dem Lineal, konnte dabei das “r” nicht richtig aussprechen und es klang eher wie ein “w”.
Daher der Schülerulk: Einede, zweiede, dweiede, viewede, …
Ich hatte Tränen des Zornes in den Augen, wenn er mich stieß.

Besagte Musikstunde begann nach der ersten Pause.
Gerd G., der ständig zu allerlei Unfug bereit war, hatte ein Stück Brot auf den Flügel gelegt und klimperte auf dem geheiligten Instrument herum, als H. eintraf.
Dieser war wohl nicht so gut aufgelegt, sah das Brot auf dem Flügel liegen und begann mit dilettantischen Ermittlungen, die ihm aber nur gröhlendes, pubertierndes Gelächter einbrachten.
Er verschwand daraufhin ganz schnell – und mir schwante Böses.
Ich behielt recht mit meinen Gedanken, denn ein paar Minuten später riß der TEUFEL die Tür auf.
Es wurde sofort wieder gefährlich ruhig, und die obligatorische Frage: Wer war das?! stand im Raum.
Wir hatten zu dieser Zeit schon gelernt, eine gewisse spontane Solidarität zu zeigen, wenn es um Verfolgungsmaßnahmen ging. Aus der gefährlichen Ruhe, die SEIN Auftreten erzeugt hatte, wurde deshalb mit einem Male ablehnendes, eisiges Schweigen im Saal. Vielleicht fühlten wir uns auch sicher in der Klassengemeinschaft, denn wir konnten uns nicht vorstellen, daß er sich an Schülern vergreifen würde, die seiner unmittelbaren Obhut nicht unterstellt waren. Er machte es so wie sonst, schrie: Alles auf! und Weglehner, komm voor!
Ich stand nämlich aus seiner Sicht ganz vorne links in der Reihe. Ich trat vor ihn hin und hatte, eh ich´s mich versah, links, rechts, einige Hiebe im Gesicht, die ich  momentan gar nicht spürte, die aber so heftig waren, daß mir ein Furz abging. Brennender Wangen schickte er mich an meinen Platz zurück und rief Hans-Peter Krippner zu sich. Ihm ging es nicht anders. Der Dritte war ein Externer, der Schüler H. aus Neuendettelsau, schon ein ganz schöner Klotz damals, der nichtsdestoweniger um Gnade flehte.
Der TEUFEL ließ daraufhin von einer weiteren Fotzerei ab. Möglicherweise hatte er sich an uns beiden schon abreagiert, oder er sah, daß er mit anderen als Internatsschülern, vor allem, weil in der Klasse auch drei Mädchen – die Tochter des Oberstudiendirektors, Maria H., die Tochter des Dekans, der der Vorsitzende des Direktoriums war, Annemarie S., und die Tochter eines Pfarrers aus Neuendettelsau, Anna-Maria R. -  waren, so nicht umgehen konnte.
Nicht wegen der paar Prügel, aber wegen seiner miesen Ungerechtigkeit an wehrlosen Knaben reifte von da an der Haß in mir. Und ich war stolz auf mich, nichts verraten zu haben.

“Im Namen Gottes”, historischer Roman vom Kampf der Zeloten gegen die römische Besatzung Palästinas im ersten Jahrhundert n. Chr.

Freitag, Oktober 24th, 2008

Claudius Epirus, Centurio der Prätorianergarde, vom Präfekten Tigellinus beauftragt, dem Zelotenunwesen in Palästina endgültig den Garaus zu machen, hat das Unmögliche geschafft: Unter dem Pseudonym Yoram Ben David, eines jüdischen Kaufmanns, der in Rom lebt und erfolgreiche Geschäfte betreibt, gelang es ihm, bis in die Führungsspitze der Rebellen in der Provinz Judäa vorzudringen. Mit einer Kleingruppe ist er inzwischen nach Rom zurückgekehrt. Sie versuchen, die Christen, die sie noch immer als Brüder betrachten, dort für die Rebellion zu gewinnen. Plötzlich befinden sie sich in unmittelbarem Kontakt zu einer Verschwörergruppe um den Senator Piso, die Kaiser Nero ausschalten will.

V. Sturm

Aktiv werden – wie treffend hatte Schimon das ausgedrückt – obwohl es nichts grundlegend Neues war. Eleazar begann, Afranius geschickt auszuhorchen. Namen fielen: Die Senatoren Piso, Flavius Scaevinus, Plautius Lateranus; die Ritter Cervarius Proculus, Iulius Augurinus, Munatius Gratus, Marcius Faestus, Antonius Natalis; die Tribunen Subrius Flavus, Caius Silvanus, Statius Prossimus sowie die Centurionen Sulpicius Asper, Maximus Scaurus und Venetus Paulus; der in beständigem Konkurrenzkampf zu Tigellinus stehende Faenius Rufus. Und nicht zuletzt auch der halbseidene Intimus des Kaisers, Claudius Senecio.
Yoram war noch einmal in höchste Bedrängnis geraten, als Eleazar die Namen der drei Centurionen nannte. Doch es waren keine Kameraden der Garde, sondern der Armee.

Und der Gipfel, Brüder, so es sich denn als wahr erweisen sollte: Auch Seneca, der alte Lehrer und ehemals engste Berater Neros, soll der Rebellion nicht abgeneigt sein. Alles in allem lauter hochkarätige Leute. Das spricht in der Tat für die Wiederherstellung der alten republikanischen Verhältnisse. Was wollen wir mehr?

Euphorie machte sich breit. Man sah bereits das Ende des Imperiums in der derzeitigen Form am Horizont heraufziehen. Wie gerne hätte Yoram ihm vorbehaltlos zugestimmt. Vergessen waren Hochverrat und mögliche tödliche Konsequenzen. Er würde es Tigellinus zeigen. Der sollte nicht mehr dazu kommen, einen Griechen zu demütigen.
Deshalb entschloß auch er sich, den Spieß umzudrehen und es mit Epicharis aufzunehmen. Aus ihr wollte er herauskitzeln, an welche Aktionen gedacht war.
Er wählte, wie sie in jener milden Nacht, die Terrasse von Joschuas Villa, ließ sich von Eleazar vor der Gemeinde  entschuldigen, daß er später käme und versteckte sich in den Büschen.
Es dauerte nicht lange, und sie trat heraus. Ihm schien, als sei sie noch nervöser als sonst.
Weil sie wußte, daß die Verhandlungen mit den Hebräern schon weit fortgeschritten waren?
Laulos trat er von hinten an sie heran, umfaßte ihre Taille und bedeckte ihren Hals mit Küssen.

Ich bin es, Liebste… Yoram… ich halte es nicht mehr aus, ja, ich kann nicht mehr widerstehen. Komm, laß uns verschwinden von hier…

Sie fuhr herum wie eine Katze, schlang in wilder Leidenschaft die Arme um ihn und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Yoram drückte sie an sich, so daß sie seine augenblicklich aus den Lenden gewachsene körperliche Erregung an ihrem Leib spüren mußte.

Komm, Liebste, ich will dich haben, sofort…

Er zog sie zu den Büschen. Dann lagen sie nebeneinander auf der warmen Erde. Er öffnete die Spangen und Bänder ihrer Tunika. Hart drückte seine Männlichkeit gegen ihren Bauch.
Da stemmte sie sich gegen sein Drängen.

Nicht, Yoram… nicht hier… morgen… komm morgen zum Garten Pisos, ich will dich erwarten… nur soviel für heute: Wir haben Pläne, konkrete Pläne… das Volk muß sich mit erheben, ja, wir dachten an Feuer im Palast des Wüstlings, das das Zeichen sein soll für den Aufstand. Denn wir werden das Gerücht streuen, Nero selbst habe den Befehl dazu gegeben, damit er einen neuen, riesigen Palst bauen kann. Dann wird das Volk auf die Barrikaden gehen… oh, ich freue mich auf dich, Geliebter… ich muß jetzt wieder hinein, sonst fällt es auf. Kommst du dann noch? Ich will dich aus der Ferne betrachten, wie vorher, oh ja, ich freue mich auf dich!

Sie erhob sich, ordnete Kleidung und Haare, küßte ihn und verschwand im Haus.
Feuer im Palast! Und gespielte Leidenschaft.
Nur vom Glauben war nicht mehr die Rede gewesen. Ja, er hatte sie durchschaut. War Tyche zu ihm zurückgekehrt?
Er wartete noch eine Weile, betrat dann den Versammlungsraum, wo Eleazar gegen eine Flut von verbalen Attacken besonders fanatischer Christiani zu kämpfen hatte und erspähte Phyllis. Da faßte er den Entschluß, sie zu informieren. Was würde der erfahrene Aquila ihm wohl raten?
Am Ende der Versammlung, die in einem Wirrwarr von Meinungen zu ersticken gedroht hatte, trat Yoram wie zufällig direkt hinter Phyllis, die sich anschickte zu gehen. Er tat, als streiche er den Bart, wie er es damals bei den Händlern gesehen hatte, die  etwas in Zweisamkeit zu besprechen hatten, das keiner sonst hören sollte.
Sie zeigte keinerlei Regung, als sie sich ein leichtes Tuch über den Kopf zog und in ihren Handspiegel sah.

Keine Reaktion jetzt, Phyllis. Ich weiß, daß du mich erkannt hast. Komm bitte so schnell wie möglich zum Heiligtum der Nymphen. Es geht um Alles.

Unter dem Vorwand, er müsse die teils über die Maßen feindseligen Angriffe aus den Reihen der Christiani überdenken, trennte er sich von den Brüdern und eilte schnurstracks zu dem Treffpunkt, der nicht weit von Joschuas Villa entfernt lag. Kurz nach ihm erschien Phyllis.
Yoram hielt sich nicht mit langen Vorreden auf.

Du weißt, daß mir das schier Unmögliche gelang. Ich bin mittendrin, ja, direkt in der Kommandozentrale der Zeloten. Was in Palästina geschah, interessiert jetzt nicht. Es geht um Rom. Wir haben Kontakt zu einer Verschwörergruppe, die Nero beseitigen will. Lauter Ehrenmänner um den Senator Piso. Soeben erfuhr ich, daß als Signal für die Revolte die Abfackelung des Palatin geplant ist. Vielleicht schon sehr bald. Den Zeitpunkt kenne ich noch nicht. Gib sofort Aquila Bescheid und komm weiter in die Versammlungen. Laß uns, wenn möglich, danach immer kurz hier zusammentreffen, damit ich dich auf dem laufenden halten kann.

Ungläubig hatte Phyllis ihm zugehört. Sie schien völllig überrascht.

Ein Umsturz?… Soeben hast du es erfahren? Dann… dann kannst du es nur von dieser Frau wissen. Ich beobachtete… ja, ich sah, wie sie dir entgegenschmachtete. Frauen sehen in mancher Hinsicht mehr und besser als Männer… Sei vorsichtig, Claudius, ich kenne sie. Man weiß, daß sie viel Leid erleben mußte unter ihrem Herrn Tigellinus und daß sie gerade deswegen unberechenbar ist in ihrem Haß. Sie kam vor euerer Anwesenheit nie in die Gemeinde… deswegen ist ihr… Interesse an dir…

… nur gespielt, ich weiß, Phyllis. Sie wollen uns einspannen. Erkläre das alles Aquila, denn ich weiß nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll. Einesteils…

Phyllis legte ihm die Hand auf den Mund.

Du mußt jetzt gehen, und ich auch. Ich… wir waren sehr froh, als ich dich erkannte, denn wir dachten, du seist längst nicht mehr am Leben. Ja, also dann bis bald, Claudius… äh, Yoram.

Eleazar und Schimon wirkten ein wenig ratlos. Yorams Neuigkeit überforderte sie. Sie, die von Mann zu Mann zu kämpfen gewohnt waren, sollten auf einmal Brandstifter sein? Wie jene von der Obrigkeit gedeckten Verbrecher in der Heimat, die Bauernhöfe abfackelten, und denen es egal war, ob Unschuldige dabei umkamen?
Hinzu kam die Verstockheit der Christiani. Wie sollte man denen denn endlich klar machen, auf welchem Weg sie waren?
Schimon behielt einen kühlen Kopf.

Der Plan ist schon genial. Nero die Schuld zuschieben… das darbende Volk, das ja unmittelbar betroffen wäre durch eine solch ungeheuerliche Provokation…

Yoram dachte, es sei besser, erst einmal dagegen zu sein.

Das Volk? Das Volk ist zufrieden, wenn es weiterhin Brot und Spiele vorgesetzt bekommt, machen wir uns da nichts vor, Brüder. Ich bezweifle, ob es es sich mitreißen läßt.

Gilad hatte die Nachricht verdaut.

Das Volk hat trotz der Köder Brot und Spiele einen unbändigen Haß auf den Kaiser. Die Ärmsten können sich sogar weder das eine noch das andere leisten. Ich glaube, die Verschwörer schätzen das richtig ein. Es besteht eine große Chance, daß die Massen mitziehen.

Das war die Meinung des Ortsansässigen, der es wissen mußte. So sah es Eleazar.

Ohne Risiko geht nichts, Brüder. Sie kalkulieren das ein, da bin ich mir sicher. Aber es kann sich nur um ein Restrisiko handeln, denn die ehrenwerten Herren werden alles verlieren, wenn es nicht hinhaut, aber auch alles gewinnen, wenn es klappt. Und da sie Realisten sind, die am Leben und an ihren Gütern hängen, gehe ich davon aus, daß sie vom Erfolg überzeugt sind. Müssen wir abstimmen? Ich bin dafür mitzumachen.

Da sich keine weitere Gegenstimme erhob, war die Sache beschlossen. Eleazar nahm Yoram zur Seite.

Ich weiß zwar nicht, wie du das gemacht hast, Bruder, aber es war gut. Ich nehme an, daß weiterhin alles über Epicharis laufen wird. Ich werde daher Afranius nicht fragen. Also geh den Weg, den du eingeschlagen hast. Im Namen Gottes..

Wenn der wüßte, dachte Yoram im ersten Moment ein wenig amüsiert. Würde er auch so handeln? Nun, Epicharis war nicht verheiratet, folglich könnte auch das Gesetz es ihm nicht verbieten. Aber wer wußte, ob Eleazar nicht einer von den Keuschen war? Eine Sekunde lang dachte er an Kassandra. Über solche Dinge wurde jedoch nicht gesprochen.
Beim nächsten Treffen in Joschuas Gebüschen durfte Yoram seinen Körper an dem ihren in beiderseitiger Nacktheit reiben, mehr nicht. Wieder hatte sie eine Ausrede. Sie habe ihre Tage bekommen. Es machte ihm nicht viel aus, denn erstens wußte er um ihre Taktik, zweitens hatte er so lange in Enthaltsamkeit gelebt, daß er sich, wie er danach recht abständig feststellte, von Eleazar – und den anderen Brüdern – in dieser Hinsicht nicht viel unterschied. Obwohl er sich sehr beherrschen mußte, nicht einfach gegen ihren Willen über sie herzufallen.
Sie war ein Luder. Folglich hätte es ihm auch nicht die Erfüllung gebracht, die er sich anfangs eingebildet hatte. Bei Gelegenheit, wenn er es nicht aushielte, würde er eben eine Hure aufsuchen. Geld hatte er genug, um alle Huren der Stadt nacheinander zu besuchen. Die wenigstens, die nicht den Reichen reserviert waren. Es war ein schönes Gefühl der Freiheit, und er spürte auf einmal, wie er begann, wieder römisch zu denken.
Noch zweimal trieb sie es auf diese Weise mit ihm, und er merkte, daß es ihm doch sehr zusetzte. Mit einer so schönen Frau in so enger Umarmung zu verbringen und dann zurückgestoßen zu werden, mußte jeden Mann irgendwann um den Verstand bringen.
Er sagte es ihr schließlich freiweg.
Da ließ sie es zu. Doch ihre Augen waren währenddessen starr in den Nachthimmel gerichtet, ihre Arme um seinen Rücken ohne jede Leidenschaft.
Danach war sie sehr sachlich.

Den Brand werdet ihr legen, bei den Marktständen am Circus Maximus. Der Kaiserpalast auf dem Palatinus liegt gleich darüber, das Feuer wird sich von alleine hochfressen, so daß ihr genügend Zeit habt, euch in Sicherheit zu bringen. Ihr habt die meiste Erfahrung in solchen Dingen, macht euch daher schon einmal Gedanken, wie das an besten zu bewerkstelligen ist… Wir sind noch am Überlegen wegen des definitiven Zeitpunktes. Haltet euch für die zweite Hälfte des nächsten Monats bereit.

An diesem Abend behelligte sie Yoram nicht mehr mit ihren begehrlichen Blicken in der Versammlung. Sie hatte den Ort nach dem Zusammensein verlassen.
Wie das zu bewerkstelligen sei! Die machten es sich leicht, sehr leicht. Die Zeloten waren keine Brandstifter. Doch anscheinend hatte sich ihr Ruf einer Räuberbande auch bereits in den aristokratischen Kreisen der Hauptstadt festgesetzt.
Yoram konnte seinen Ärger kaum verbergen. Der Monat Iunius neigte sich dem Ende zu. Also in etwa drei oder vier Wochen.
In der Herberge machte er seinem Unmut Luft. Unruhe entstand.

Bei den Markständen? Dort leben die Händler! Das können wir nicht machen, Brüder! Wir würden Unschuldige in Gefahr bringen. Ja, sie würden verbrennen in ihren armseligen Buden, die so trocken sind wie Zunder!

Einer der Jungen sprach jetzt voller Abscheu das aus, was die anderen dachten, als Yoram die Nachricht brachte. Nun brach es auch aus ihnen heraus.
Sie seien keine Mörder, keine Kriminellen, wie man sie seit jeher hingestellt hatte, um sie in Verruf zu bringen. Niemals dürfe man so etwas tun. Nero und seine Brut ja, gerne sogar, aber keine Unbeteiligten, die zudem selbst unter dem Tyrannen litten. Das würde der Ewige mit seinem Zorn bestrafen in aller Zukunft, an den Kindern und Kindeskindern.
Eleazar beruhigte die Brüder.

Das werde ich regeln. Nur unter der Bedingung, daß wir die Händ-ler kurz vor der Aktion warnen können. Darauf gebe ich euch mein Wort. Selbstverständlich werden wir auch rechtzeitig die Brüder und Schwestern verständigen, die in der Nähe wohnen. Keiner soll Schaden nehmen an Leib und Leben, im Namen Gottes! Und falls die hohen Herren damit nicht einverstanden sind, sollen sie es selbst machen.

Das war gut, überlegte Yoram. Sie mußten sich darauf einlassen, denn ihre Verbündeten waren zu Mitwissern ihrer Revolte geworden.

Guthaben (aus “Nonologe II, siehe “Werke”)

Dienstag, Juni 3rd, 2008

Von der Wahrheit über das Sein des Geldes

Diese Langeweile, diese verdammte Langeweile! Ich langweile mich noch zu Tode!

Dagobert Widuckl jr., Nachfahre des legendären Dagobert Duck, Entenhausen, in der vierten Generation – daher der durch Einheirat modifizierte Nachname – stöhnte sich nun bereits dreikommasieben Jahre lang durch sein von Müßiggang bestimmtes Leben, nachdem er vorher lange nicht gewußt und sich den Kopf zermartert hatte, wie er das Dilemma lösen würde. Und es war ihm klar, daß dieses Stöhnen im Grunde keine Lösung sein könnte.
Seine einzige, und, wie er glaubte, auch einzig sinnvolle Beschäftigung, war das Stöbern in alten Familienphotos, die den Gründer des Finanzimperiums als Fahrer eines mächtigen Bulldozers zeigte in einem noch mächtigeren Geldtempel, wo er goldige Geldhaufen planierte.
Geld, richtiges Geld, harte, blinkende Münzen waren es, und Dagobert Widuckl hörte gleichsam die Ketten des Fahrzeuges darauf knirschen, und der Rauch aus dem Auspuff kitzelte ihm schon die Nase, wenn er die Photoalben nur in die Hand nahm.

Ach, Urahn Dagobert, meine Vornamensgeber, wie schön hattest du es, wie beneide ich dich in der verantwortungsvollen und so erfüllenden Tätigkeit des Geldzählens, Pflegens und Planierens. Wollte doch König Midas, dein wohlwollender Pate, mir genauso günstig gesonnen sein wie weiland dir, du Glücklicher, du Beneidenswerter, du Herrscher über Münzen und Bulldozer!

Dagobert Widuckl drohte ernsthaft depressiv zu werden. Als alleinige Ursache für seinen lebensbedrohlichen Zustand hatte der berühmte Psychiater Dr. Joe Moneypenny nach einer langen Reihe von Sitzungen den schnörkellosen, unbarmherzigen bargeldlosen Zahlungsverkehr eruieren können.

Schecks und Scheckkarten! wimmerte Widuckl auf der Couch, das Unglück, der mentale Untergang aller Geldzähler und Planierer. Unternehmen Sie etwas, Moneypenny! Wofür bezahle ich Sie? Mit echten, harten Golddukaten aus der Originalprivatschatulle meines Ahnen Dagobert Duck noch dazu? Bekamen Sie jemals einen Scheck von mir? Bißfeste Taler aus fünfhundertundsoundsoviel Karat bekamen sie. Also, warum tun Sie dann nichts für meine Gesundung? Gehören Sie am Ende auch zur Weltverschwörung der unseligen Scheckkarte? Papier und Plastik, wie die Hirne derer, die sich damit schmücken, aber nichts Handfestes im Sack haben!

Auch Moneypenny stöhnte, mehr noch, er seufzte. Widuckl war im Recht, das wußte er.
Aber was sollte er, der Psychiater, ihm für eine Therapie anraten? Bei neurotischen Managern oder Schauspielern war es ein Leichtes. Die schickte er entweder in die Wüste von Nevada zum Heuschreckeneinsammeln oder zum Holzhacken in die Rocky Mountains, bis sie zur Vernunft kamen – wenigstens für zwei, drei Monate. Dann standen sie nämlich wieder bei ihm auf der Matte, und die Therapie begann von neuem. Das brachte ihm Kohle, mehr als genug.
Doch auch die blechten nur mit Scheckkarte, und er hatte sich manchmal ernsthaft gefragt, ob das denn ein wirklich richtiges Zahlungsmittel sei, obwohl man alles dafür bekam.
So wie sein Patient Widuckl, den er für einen ganz normalen Menschen hielt, sich sorgte, so sorgte auch er sich und bewahrte die Goldtaler an einem absolut sicheren Platz, dem Sparstrumpf seiner Großmutter, unter seinem Kopfkissen auf. Manchmal ging er auch hin, packte den Strumpf in eine eisenbeschlagene Kiste, sperrte verschwörerisch das solide Vorhängeschloß ab, schloß wieder auf, nahm die Taler heraus, streichelte sie liebevoll, wienerte sie mit einem hervorragenden Messingputzmittel und weinte ein paar kleine Tränen, bevor er sie vorsichtig wieder an Ort und Stelle legte. Das waren Schätze, richtige Schätze, die in früheren Zeiten von Seeräubern geraubt und anschließend versteckt, von anderen Seeräubern entdeckt und wieder geraubt wurden, umkämpft, blinkend und eben einfach wertvoll. Wieviele Seeräuberschicksale verbargen sich wohl hinter jedem einzelnen dieser Goldtaler!
Ach, seufzte er und sah in eine ungewisse Zukunft.
Widuckl wurde zornig auf der Couch und fuhr hoch.

Was seufzen Sie, Moneypenny?! Wenn jemand seufzt – aus gutem Grund – dann bin ich das, verstanden?? Mir gebührt es, nicht Ihnen, denn Sie haben Golddukaten, meine Golddukaten. Und jetzt fahren Sie fort, bevor Sie mit Ihrer Therapie beginnen. Das ist ja zum Verrücktwerden, wo bin ich hier eigentlich, wie?

So blieb Moneypenny vorderhand nichts anderes übrig, als nach Sigmund Freud zu therapieren. Dann schlief Widuckl wenigstens nach fünf Minuten ein und erklärte nach dem Aufwachen, jetzt fühle er sich schon bedeutend besser. Ob Moneypenny nicht eine kleine, süße Schnecke für ihn wisse, die einen Vaterkomplex habe oder so.
Nur ja keine Vorliebe für Scheckkarten!
Aber auch ein kleine, süße Schnecke, die Moneypenny schließlich aus seinem überquellenden Schauspielerinnenfundus für die Therapie begeistern konnte, war nicht in der Lage, die Trübsal Widuckls für mehr als zwei Tage aufzuhellen, weil sie ihn trotz ausdrücklichen Verbots doch irgendwann nach seiner Scheckkarte fragte, und sei es nur, weil sie in einem Lokal austreten gehen mußte. Da war dann der Spaß für Dagobert Widuckl zu Ende, unwiderruflich, und die süße Schnecke mußte eine kleine Pornorolle spielen um zu überleben.
Moneypenny war jedoch, trotz seiner Vorliebe für Golddukaten und eines kompromittierenden Namens, in seinem Herzen ein Arzt mit Berufsethos und wollte daher helfen, waren seien Patienten nicht gerade eingebildete Kranke und sonstige SchauspielerInnen.
Er litt aufrichtig mit Widuckl, hätte sich mehr als nur einmal selbst gern auf die Pritsche gelegt und gesagt Widuckl, nur Sie können mich heilen, und zwar dadurch, daß Sie geheilt werden!
Ein Unding freilich, das war ihm bewußt, denn was ein Circulus Vitiosus ist, war ihm trotz seiner überseeischen Bildung nicht gänzlich unbekannt.
Er schlief nicht mehr, und schlief er trotzdem, fuhr er aus dem Schlaf hoch, zitterte vor Hitze und Kälte gleichzeitig und nahm kontinuierlich jede Woche fünfzehn Gramm ab.
Schließlich versuchte er es bei einem Heilpraktiker, der mehr Praktiker als Heiler war, klagte ihm sein Leid respektive das Leiden Widuckls, ohne sich freilich als jenen auszugeben.
Und schwupp – hatte der Praktiker einen sehr praktischen Rat zur Hand: Man könnte doch einfach wieder Gold- und Barvermögen instrumentalisieren.

Oh, oh weh, dieses Wort! stöhnte Moneypenny, denn er haßte dieses Wort bis auf den Tod.

Verzeihung, ich meinte, sich zunutze machen, Herr Kollege. Als Spielware zuzusagen. Wie Spielkarten bzw. Spielmünzen, Monopoly oder so.. Niemand hat etwas gegen Spielkarten… wenigstens ist mir in meiner praktischen Heiltätigkeit noch keiner begegnet, der etwas gegen Spielkarten gehabt hätte. Nehmen Sie doch einfach Ihre Spieldukaten, suchen sich einen Kreis Gleichgesinnter, wenn möglich leidenschaftlicher Spieler und spielen Sie mit ihnen einen Golddukatenskat, wie andere dem Schafkopf oder Sechsundsechzig frönen.

Moneypennys Miene begann sich schlagartig aufzuhellen, obwohl er nicht wußte, daß es außer Pokern auch noch andere Spielkartenspiele gab. Ausländische, nahm er an, denn der praktische Heiler sprach mit hartem Akzent.
Spielen! Das war der Initialfunke.
Widuckl war über die Spielphase nicht hinausgewachsen! Warum gab es in der psychologischen Wissenschaft so wenig Literatur über die Spielphase! Er würde die Fakultät revolutionieren. Spätestens übermorgen.
Er sprang auf, übereignete dem praktischen Heiler einen Golddukaten, der nicht wußte, wie ihm geschah und heftig protestierte, bei ihm werde mit Scheckkarten bezahlt, alles andere sei Zechbetrug. Doch Moneypenny war schon draußen, eilte wie der Wind in seine Praxis und überlegte.
Als Widuckl zur Sitzung erschien, schützte er starke Kopfschmerzen vor und vertröstete ihn auf den nächsten Tag. Dann werde er ihn heilen können. Hundertprozentig.
Die Aussicht auf Widuckls und damit auch seine eigene Heilung ließ in seinem geplagten Hirn soviel Geist blitzen, daß er sich in einem nicht enden wollenden Thunderstorm wähnte, und es ihm nur mit größter Disziplin gelang, dorten Ordnung zu schaffen. Und dann war das Kunststück vollbracht.
In bester Laune empfing er seinen Patienten und damit sich selbst am nächsten Morgen in der Praxis und legte sich sogleich zu ihm auf die Couch.

Mein lieber Widuckl, Sie werden mir in den nächsten Minuten so dankbar sein wie nie einem andern zuvor in Ihrem Leben, genauso wie ich mir selbst so dankbar sein werde wie nie zuvor in meinem eigenen Leben. Lassen Sie uns jedoch vorher die Honorarfrage regeln. Ich schlage vor, Sie geben mir heute zehn Golddukaten, und ich gebe Ihnen im Gegenzug auch zehn Golddukaten. Nein, bitte, fragen Sie nicht, sondern genießen Sie alsdann.

Widuckl wunderte sich ein wenig, doch Moneypenny war dermaßen in seinem Element, daß Widuckl sich gleich nicht mehr wunderte, sondern vor Begeisterung aufsprang und einen alten Entenhausener Indianerregentanz aufführte.
Moneypenny tat es ihm nach und detaillierte ihm während des Tanzes in wenigen Worten, daß er einen Kreis Gleichgesinnter um sich scharen, alle Golddukaten, derer sie noch habhaft werden könnten, zusammenkaufen, wenn nötig auch stehlen, koste es, was es wolle, einen Golddukatentempel wie weiland sein berühmter Ahn errichten lassen, zwei, drei oder auch mehr Bulldozer anschaffen und dort Golddukaten planieren solle.
Widuckl bebte und hatte nur eine Frage.

Einen Kreis Gleichgesinnter?

Ei freilich, Widuckl, sonst ist es stillos. Gleichgesinnte heißt: Multimilliardäre. In Rußland gibt es jede Menge davon, inzwischen fast mehr als hier in Übersee, dem Land der unbegrenzten Milliarden und grenzenlos gierigen Milliardäre. Sie werden sehen, wie schnell Ihre Leiden ein Ende haben werden. Nur für den Fall, daß Sie wissenschaftliche Literatur dazu haben wollen: Ich forschte jahrelang zu diesem Problem. Gegen ein paar Golddukaten erlaube ich Ihnen den Zugang.

Dagobert Widuckl versprach alles. Nur mit Golddukaten könnte er dann leider nicht mehr dienen, weil er die selbst brauchte, das müsse Moneypenny aufgrund der Moneypenny´schen Therapie verstehen.
Widuckl beendete umgehend die Sitzung und gründete sofort den Ersten Club der Multimilliardäre USA-RUSSIA-ARABIA Incorporated e.V., abgekürzt URA Inc.e.V.
Wahlspruch: IM DUNST VON RUSS UND ÖL SOLLEN DEINE PLANIERRAUPEN DEINE GOLDDKUATEN PLANIEREN
Keine Frage, daß er den Vorsitz beanspruchte.
Danach wurde eine Satzung erarbeitet. Schwerpunkt neben den reinen Formsachen wie griffige Golddukaten und PS-Zahlen der Bulldozer war, daß regelmäßige Arbeitstreffen stattzufinden hätten zum Zwecke der Umwälzung zur Belüftung und Gesunderhaltung von Golddukaten.
Zur gesellschaftlichen Erbauung und adäquater Repräsentation seien zu festgelegten, gleichbleibenden Terminen, ähnlich den kirchlichen und staatlichen Feiertagen der Mormonen, Menoniten, Neu-Evangelikalen und ggf. Katholiken, Umwälzbelüftungsfeste zu veranstalten
Dann veranlaßte er den Bau des Tempels, eines Gebäudes, das die ägyptischen Pyramiden, virtuell übereinandergetürmt, noch um vieles überragte und mit völlig neuartigen Sicherungen gegen das 11.September-Syndrom ausgestattet war.
Blitzfunkelnagelneue Bulldozer, zwanzig an der Zahl, so daß die reichsten Multimilliardäre aus USA, RUSSIA und ARABIA abwechselnd nur einmal bei jeder Planierrunde zuschauen mußten, standen dann, militärisch ausgerichtet, vor dem atombomben- und panzerknackersicheren Portal und harrten ihrer Instrumentalisierung. Nur gut, daß der Ehrengast Dr. Moneypenny ein wenig abseits stand und das verhaßte Wort nicht zu hören bekam.
Hundert Trucks mit Auflieger und einer Ladekapazität von je zehntausend Kilokubikmetern waren geordert worden, zu den Banken zu fahren und die Guthaben der Weltmilliardäre in Golddukaten einzufahren in den Tempel.
Und da rollten sie an! Moneypenny kam näher, transpirierte und faßte instinktiv nach Widuckls Hand, der den heißen Druck heftig erwiderte.
Die röhrenden Motoren erstarben, so daß Widuckl in leichte Verwirrung geriet.
Der Führer der Truckerkolonne stieg aus und kassierte den Rechnungsbetrag. Dann zündete er sich trotz der überseeischen Verdammung des Rauchens eine Zigarette an und klopfte Widuckl freundschaftlich auf die Schulter.

Thanks, Widuckl. Mein Ururur-Großvater fuhr bereits für Ihren Ahnherren und wurde so fürstlich bezahlt wie wir jetzt. Sie sind ein Ehrenmann, Widuckl, wirklich. Nun… ich spreche, glauben Sie mir das, als ein aufrichtiger Freund zu Ihnen… Äh, wie soll ich sagen? Also, die Ururur-Enkel der Panzerknacker sind nicht im Spiel, das versichere ich Ihnen, guter Widuckl, und gebe Ihne dafür mein Ehrenwort, das Ehrenwort eines East-West-Truckers, das ist noch was wert heutzutage, yeah… Also, nicht die Panzerknacker…

Zum zweiten Mal war Widuckl zusammengezuckt, denn dieses Wort hatte trotz der Generationen noch immer einen schaurigen Klang in der Familie.

Was, was! Mann, was, Panzerknacker, kommen Sie zur Sache!

Äh, also nicht die… ist ja schon gut, Widuckl. Es ist nur so: Fehlanzeige! Fehlanzeige bei den Banken. Bei allen Banken der Welt, die wir ausnahmslos abgegrast haben, meine East-West-Trucker-Freunde und ich. Fehlanzeige! Das heißt, die Banken haben kein Gold. Nicht in den letzten Winkeln ihrer tiefsten Bunker lagert eine einzige Unze Gold… nicht mal ein Goldstäubchen… und in den Minen findet sich nur Abraum und Geröll, ja, das war´s denn, Widuckl. Und nochmals vielen Dank. Auf, Boys, let´s do our work!

Widuckl war schneeweiß geworden, und Moneypenny wankte. Rote und gelbe Kreise tanzten vor seinen Augen.

Aber… aber… die Spielphase… ich habe doch eindeutig nachgewiesen, daß die Spielphase… o weh und ach, Widuckl, Ihre Spielphase! Sie ist in Gefahr, und damit gleichzeitig unsrer beider Gesundung…

Widuckl riß sich los von schweißender Psychiaterhand und fuhr einen Meter in die Luft wie Dagobert der Ältere es zu tun pflegte, wenn er tobte.

Spielphase, Spielphase!! Sie Narr, Sie verdammter, Sie… Sie Psychiater, Sie! Die Kohle, die goldene Kohle ist weg, kapieren Sie nicht? Sie sind entlassen, entlassen! Regreßansprüche, Schadensersatz… ach was, wovon rede ich… der einzige, der noch ein paar Golddukaten hat, sind Sie, weil ich Sie leichtsinnigerweise damit bezahlte, ich depressiver Idiot! Aber planieren? Ein paar Golddukaten planieren? O nein, ich werde für den Rest meines Lebens depressiv sein. Sie… Sie Versager…

Widuckl landete sanft, und seine letzten Wort lösten sich in erbarmungswürdigem Wimmern auf.
Widuckl wurde von seinem Vermögensverwalter nach Hause und zu Bett gebracht. Er flößte dem Chef eine halbe Flasche Whisky ein und versprach, nach dem Rechten zu sehen.
Am nächsten Morgen war er mit einer niederschmetternden Nachricht wieder zur Stelle.

Chef, ja, es ist… es sieht folgendermaßen aus: Der Nachweis für ein Vermögen ist der auf dem jeweiligen Kontoauszug ausgedruckte Kontostand. Daran gibt es nichts zu rütteln, nichts zu schütteln, nichts zu titteln, nichts. Kann jemand einen positiven Kontostand vorweisen, kann er damit bezahlen, Überziehungsvorschuß inklusive. Der richtet sich in der Regel nach der Höhe des ausgedruckten Kontostandes. Im Chip der persönlichen Scheckkarte des Kontoinhabers sind diese Daten gespei…

Grrrh…

Dagobert Widuckl war allein durch das schwere Wort aus noch schwererem Rausch zu neuem Leben erwacht.

… der persönlichen Scheckkarte des In…

Grrrh… Grrrh… Fauch…

Der Vermögensverwalter erkannte augenblicklich die Gefahr, die von den bedrohlichen Lauten aus des Meisters Munde ausging und rang um eine andere Formulierung.

… es ist also gespeichert, wieviel Vermögen… wieviel Geld… äh, wieviel… Kontostand, wie hoch der Kontostand…

Kreisch! Peng! Explodier! Wumm! Krach! Schepper! Schäum! Meine Golddukaten, du Arschloch!

Des Ahnen Genetik hatte endlich den Durchbruch erzielt. Der Vermögensverwalter suchte sein Heil in rasender Flucht. Auf der Balthasar-Neumann-Imitat-Treppe der Widuckl´schen Residenz stieß er mit Dr. Moneypenny zusammen, der sich voller Sorge und Angst zu einem Besuch Widuckls aufgerafft hatte, so weit ging sein Berufsethos.

Um Gottes Willen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, Moneypenny, nicht jetzt! Ich machte den kapitalen Fehler, von Scheckkarten zu sprechen. Er hat Schaum vor dem Mund. Er wird Ihnen den Hals umdrehen. Aufgrund seiner Depression, für die Sie gerade standen, bekommt er dafür sogar noch mildernde Umstände!

In diese eschatologische Stimmung platzte eine Abordung der Multimilliardäre, die zielsicher und mit festem Tritt die Treppe heraufkamen.

Weg da, Sie Vermögensverwalter. Sie mögen vielleicht zu einer Symptombeschreibung in der Lage sein und unseren lieben Freund Widuckl damit ins Grab bringen. Wir aber kennen die Gründe für die Misere: Die Darlehenspraxis der Banken ist die Ursache. Sie geben die Golddukatenspareinlagen redlicher Milliardäre großzügig an die Regierungen, die sie wiederum sinnlos verprassen abzüglich des Zehnten für ihre privaten Aufwendungen, wie sie es nennen, steuerlich selbstverständlich absetzbar. So einfach ist das. Aber das ist im Moment nicht unser Problem. Unser Problem ist, daß wir nun nichts umwälzen, geschweige denn planieren können. Wie sollen wir unsere Kontostände umwälzen? Wie Kontoauszüge planieren? Dabei war die Idee ganz großartig.

Moneypenny spitzte die Ohren und spürte Aufwind.

Mit Verlaub, werte Herren Mulitmilliardäre, diese Idee, wie sie sich so wohlmeinend festzustellen herablassen, diese… Idee, nochmals mit Verlaub, stammte eigentlich und in tiefer Bescheidenheit… von mir, ja…

Ach, sieh da, Moneypenny, Sie auch hier? Sie verschwinden buchstäblich auf dieser einzigartigen Imitat-Treppe. Was haben Sie zu sagen? Bitte kurz und prägnant. Time is Golddukaten, äh, gewesen, leider, gewesen.

Moneypenny hatte nichts zu sagen, außer sich noch zweimal zu wiederholen mit der Idee, die eigentlich von ihm stammte.
Die Multimilliardäre indes klärten den Vermögensverwalter auf, was sich mittlerweile im Land abspielte.

Sie sind ein Vermögensverwalter am grünen, dem runden Tisch, ein grüner Schreibtischtäter sozusagen. Sie müßten mal sehen, was draußen in unseren Ländereien los ist. Gehen Sie ruhig mal raus, inkognito selbstverständlich, denn wüßte man, daß Sie so einer sind, würden alle Eichen, Linden und Palmen der Welt nicht ausreichen, um Sie gebührend aufzuknüpfen.

Richtig! Das einfache Volk ist zu den uralten, instinktiv-primatenhaften Verhandlungsweisen des Warentausches zurückgekehrt, beispielsweise: Ich gebe dir einen Hinterlauf meiner Beute, du gibst mir zwei Vorderläufe deiner dafür. Das Geschäft wird umgehend mit Tatzenschlag besiegelt. Sie brauchen nämlich nicht einmal Hände dafür, so ist das, Herr Vermögensverwalter!

Neulich durfte ich zufällig folgendem erfolgreichem Vertragsabschluß beiwohnen: Zwei Goldringe fünfhundert und noch ein paar Karat gegen ein zweihundertpfündiges Mastschwein, Herr Vermögensverwalter, da sperren Sie Mund und Augen auf, was??

Schweinefleisch, pfui Scheitan…

Ich bin selbst betroffen, Herr Vermögensverwalter, denn was nützt mir mein Schloß, wenn ich keine Nachkommen habe, Sie Besserwisser! Deshalb tauschte ich das Schloß gegen eine Frau mittleren Alters, Zertifikat „Besonders fruchtbar“, und sie ist bereits zum dritten Mal schwanger, Herr äh, Herr Dings…

Hoffentlich von dir, lieber Prinz Albert, hä hä hä, harr, harr, harr…

Bitte keine panzerknackerähnlichen Geräusche hier!

Eine alte Frau, im Vertrauen gesagt, meine Großmutter, wollte bei der Deutschen Bank International drei Pfund Gold abheben. Sie bekam nicht eine Unze! Warum, wissen wir ja jetzt. Da machte sie Randale und zerbrach ihren Regenschirm – draußen hatte es zufällig mal nicht geregnet, Sie verstehen, Herr Vermögensverwalter – auf dem Kopf des Direktors. Was dann geschah? Was in einem solchen Fall eben geschieht: Man sperrte sie in die Irrenanstalt, eine Gemeinheit!

Ja, und die größte Unverschämtheit ist die: Die Scheckkarteninhaber spielen u n s und die großen Maxen mit ihrem Plastikgelumpe, den wertlosen Scheckkarten, die sie ganz einfach als Golddukatenimitate ausgeben.

Da traf den von neuem Leid geplagten Moneypenny, der an der unvergleichlichen Imitat-Ballustrade in die butterweichen Knie gegangen war, gottlob der nächste Gewittersturm in seinem Hirn.
O göttlicher Balthasar Neumann, den hier außer dem teutonischen Heil-praktiker sowieso keiner kannte, wohl aber das Imitat!
Wie Schuppen fiel es ihm da von den Augen. Imitat war das Zauberwort. Man müßte ganz einfach nur den Multimillardären auf´s Maul schauen, wäre es ihm beinahe entfahren.
Scheu streckte er den Zeigefinger in die Höhe, räusperte sich vernehmlich und nützte eine Pause der Anklage gegen den Vermögensverwalter.

Meine hochverehrten Herren Multimilliardäre… erlauben Sie, gestatten Sie mir… so sehen Sie doch, diese Treppe hier! Ist sie nicht ein Wunderwerk, obwohl sie nur ein Imitat ist? Ein Imitat, unter Umständen tausendmal schöner als das Original… und so gut zu begehen, daß man meinen könnte, sie vertrüge und trüge auch die schwersten Bulldozer? Was sind, mit Verlaub, und brechen Sie bitte nicht gleich in Todesschreie aus, Scheckkarten anderes als durchaus taugliche Imitate von Golddukaten? Bitte, bitte, überlegen Sie, bevor Sie mich töten, lassen Sie Ihre Multimillionärsverstände walten, Ihre fachkundigen…

Atemlose Stille folgte seinen flehenden Worten. Imitate? Scheckkarten als Imitate von Golddukaten?
Endlich kratzte sich der Scheich von Panarabien unter dem Kopftuch das schüttere Haupthaar.

Beim Barte des Propheten, Brüder Mulitmilliardäre, und potztausend noch eine Milliarde! Moneypenny hat recht, wenn ich es richtig bedenke, und verdient seinen rühmlichen Namen. Die Scheckkarte hat den gleichen Wert wie ein Goldtaler, mehrere Scheckkarten wie mehrere Goldtaler. Warum sollen wir unsere Goldtaler beim Planieren verkratzen, wenn es Scheckkarten gibt, die man beliebig gegen neue austauschen kann, wenn wir sie noch platter gemacht haben als sie schon sind? So bleiben unsere vorübergehend verschwundenen Golddukaten schön blinkend, denn Gold, wie ihr wißt, ist das reinste Metall und verrostet nicht, es sei denn, wir lassen uns Katzengold andrehen, wie Bruder Scheich Abdul Omar von Kleinarabien, ist es nicht so, Bruder Abdul Omar? Ließest du dir nicht einst eine Schiffsladung Katzengold andrehen von einem persischen Halunken, he, he, he? Aber lassen wir das. Überlege dir lieber, ob du nicht doch endlich meiner panarabischen Föderation anschließen willst. Moneypenny, lassen Sie sich umarmen, mein guter, mein bester Freund. He, Widuckl, unbelehrbarer Sturkopf, man muß lernen, im Leben zu lernen. Her mit den Scheckkarten dieser Erde und hinein in den Tempel, damit wir getreu unseres Wahlspruches endlich beginnen können. Halt, den müssen wir nur ein wenig verändern. Seit Wochen tat ich kein Auge mehr zu! Auf, in die Hände gespuckt!

Die East-West-Trucker wurden augenblicklich wieder auf Weltreise geschickt, und nach sieben Wochen brummten, spotzten und stanken die Planierraupen im Tempel, daß den Multimillardären Hören und Sehen verging.
Nur Dagobert Widuckl brauchte nochmal sieben Wochen, um sich anzupassen. Schuld daran war hauptsächlich sein Vetter Gustav Gans juniorissimus, der Nachfahre des gleichnamigen Glückspilzes. Er hatte sich, seit Fortuna ohne nennenswerte Nachkommen gestorben war, zu einem ausgesprochenen Neidhammel entwickelt.
Der stichelte und höhnte nun, es handele sich allenfalls um eine hausgemachte Scheckkarteninflation, was da zelebriert werde. Sonst nichts.
Endlich aber wurde Widuckl seines Gelabers überdrüssig, denn ihm lief das Wasser im Munde zusammen, je länger er den Kollegen Multimillardären beim Planieren zusah, ließ sich einen Sprungturm am höchsten Punkt des Tempels errichten und hatte von da an das größte Vergnügen daran, sich kopfüber in die Scheckkartenfluten zu stürzen, zu schwimmen und kurzfristig sogar zu schnorcheln, nachdem er in seinem Claim die Scheckkarten durch die Firma Seifen-Sörgel hatte geschmeidig seifen lassen.
Die Weltpresse verbreitete höchsten Optimismus, so daß die Aktienkurse dauerhaft in astronomischen Bereichen hingen. Sogar der ansonsten immer alles miesmachende Alan Greespan jr.jr.jr. sprach von einer nie dagewesen Stabilität der Weltwährung.
Wo aber das richtige Geld hin sei, fragten sich manche Multimilliardäre hin und wieder in trauter Runde?
Die Wahrheit war so simpel wie die Scheckkarte: Seit Einführung jener g i b t es kein Geld mehr. Die paar Scheine und Münzen, in Museen zu besichtigen, sind ein platon´sches Spiegelbild der Wirklichkeit.
Und die Goldreserven? Die wurden vor langer Zeit auf dem Mars gebunkert, dort, wohin angeblich noch nie ein Mensch seinen Fuß setzte. Für spezielle Luxus-Urlaubsreisen der Multimillardäre.
Die beiden einzigen, die wirklich weiterlitten, weil sie sich um keinen Preis von ihrer Leidenschaft lösen wollten, waren Mr Goldfinger und James Bond. In ihrer selbstverschuldeten, weinerlichen Tristesse spielten sie auf den Stufen des Tempels um Kieselsteine statt um Goldnuggets. Sogar die Lust zum gegenseitigen Bescheißen war ihnen vergangen. Freilich hatten sie auch nie zum Kreis der Multimillardäre gehört. Emporkömmlinge, Versager.