Presse

Wenn Duplexäpfel zu swingen beginnen

Mittwoch, März 24th, 2010

Von Jürgen Leykamm – Donaukurier vom 22.03.2010
Greding (HK) Der Thalmässinger Schriftsteller Willi Weglehner hat in der Nachbargemeinde den Kultursommer eröffnet. Er las in Greding “biosophische Schelmereien”.

Wenn Willi Weglehner einige bis dato unveröffentlichte Texte in seiner Schublade bis zur vollen Geschmacksentfaltung vor sich hin gären lässt, um sie dann bei einem gemeinsamen Auftritt mit “Frankens einziger Swingpianistin” Hildegard Pohl aus Nürnberg zu präsentieren, dann kann solch ein Abend nur etwas Besonderes werden. So geschehen in Greding, wo das ungleiche Duo den dortigen Kultursommer eröffnete.

Das Publikum im Rathaus wusste dabei zunächst nicht so ganz, was es erwartete. Zumal Weglehner seine Beiträge des Abends mit “biosophische Schelmereien” überschrieb, was nicht so leicht zu entschlüsseln war. Und auch Pohl als begnadete Musikerin mit stark kabarettistischem Einschlag machte es spannend. So begann sie zwar den Abend mit einer fröhlichen Frühlingsweise von Anton Dvorák, doch sie spielte sie so, “dass Sie den Swing ein bisschen spüren können”, erklärte sie vorneweg. Und den spürte man auch – und nicht nur den, sondern auch den Blues und den Boogie noch dazu.

Im wahrsten Sinn des Wortes “vielfältig” ging es dann auch im ersten Text Weglehners zu, der seine Gedanken zum Thema “Klonen” in einer Erzählung freien Lauf ließ. Ohne moralischen Zeigefinger machte er deutlich, was denn so passieren könnte, wenn der Mensch plötzlich auf ein absolut mit ihm identisches Gegenüber trifft.

So quartieren sich im Hause des Ehepaares Adam und Eva Simplex erst Adam und Eva Duplex und dann noch die Triplex- und Quattroplex-Varianten aus dem gleichen Genpool mit ein. Da bleibt dem Simplex-Pärchen nur noch die Flucht auf eine einsame Südseeinsel. Doch in deren Mitte steht ein verführerischer Baum, in dessen Blätterwerk sich ein längliches, glitschiges Tier windet und Eva einen “Duplexapfel” anbietet. Aber sie und Adam schreiben die Menschheitsgeschichte neu und lehnen dieses Mal dankend ab.
Dem paradiesischen Archetyp hielt Pohl, auch als “wilde Hilde” bekannt, dann die Archetypin der Blondine entgegen. Ihr eigenes Blondsein verteidigte sie auf musikalisch-kabarettistische Weise recht gekonnt und gab mit ihrem kämpferischen Lied die rechte Vorlage für Weglehners nächsten Text, der sich den “Revoluzzern” widmet. Mit einer gehörigen Portion geläuterter Rückschau – schließlich war er selbst mal bekennender Maoist. Die Zeiten sind lang vorbei und auch die leicht zynische Hommage an die 68er-Bewegung mit ihren “Sit-ins und Rotwein-ins”. Weglehner redet schließlich einer “gemäßigten Revolution” das Wort. Anarchisch denken ist erlaubt, solange man die Oma zu Hause redlich versorgt.

Doch Weglehner blickt in seinen Texten nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Weit nach vorne ins Jahr 2114, als die Klimakatastrophe Italien und Spanien unter einer Eisdecke und Deutschland im Meer begraben haben lassen wird. Das kommt davon, wenn man die Schmerzen von Mutter Erde nicht ernst nimmt und keinen Frauenarzt holt, lässt der Dichter schelmisch durchblicken.
Dann zeigte die “wilde Hilde”, was sie wirklich draufhat und spielte ein Medley Melodien, die aus den Reihen des Publikums gewünscht wurden. Zum Höhepunkt des Abends gab es dann noch zwei gemeinsame Stücke, bei denen der ehemalige Windsbacher Chorknabe zeigte, dass er nichts verlernt hat. Einem fetzigen Ray-Charles-Stück folgte ein dahingeschmolzenes “Let it be”, das den Abend beendete.
Dass der gemeinsame Auftritt überhaupt zustande gekommen ist, dazu hatte eine E-Mail genügt, die Weglehner an Pohl geschrieben hatte. Eine E-Mail an Weglehner – die Adresse ist auf seiner Website www.willi-weglehner.de zu finden – indes würde genügen, die zum Auftakt des Gredinger Kultursommers vorgetragenen Texte kostenlos auf den eigenen PC geschickt zu bekommen, wie er selbst versicherte.

Literaturpreis des Landkreises Roth ging an Willi Weglehner

Freitag, März 27th, 2009

Landrat Herbert Eckstein mit dem PreisträgerLEERSTETTEN (Robert Unterburger) – „Ich hoffe, dass dieser Preis weitere Herzen  in Schulen und bei jungen Menschen öffnet”, sagte der Preisträger. „Aus dem südlichen Landkreis darf ruhig auch mal was anderes prämiert werden als der Presssack.”

Zum fünften Mal verlieh Landrat Herbert Eckstein einem Literaten aus dem Landkreis Roth den Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis des Landkreises Roth, der seit 1997 alle drei Jahre vergeben wird. Der diesjährige Preisträger Willi Weglehner aus Thalmässing wurde für sein literarisches Schaffen, insbesondere für seine drei Romane „Der Viehhändler”, „Nahkampf” und „Franzl – Kein weiß wohin” geehrt. Musikalisch begeisterten die beiden Thalmässinger Gitarristen Alexander Feser und Roland Schrüfer, die als Gypsy-Jazz-Duo „La Route Django” auftraten, mit erlesenem Zigeunerswing. Als besonderen Ehrengast konnte der Landrat Arno Hamburger, den 1. Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, begrüßen. Ihm hat Willi Weglehner in seinem Roman „Nahkampf” ein literarisches Denkmal gesetzt.

v.l.n.r.: Autor Willi Weglehner, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg Arno Hamburger und Verleger Martin BackhouseLandrat Herbert Eckstein sagte, dass sich nach Ingeborg Höverkamp, Gerd Berghofer, Klaus Schamberger und Elfriede Bidmon nun Willi Weglehner als fünfter Preisträger würdig in die Reihe der Preisträger einordne. „Mir gefällt es, dass so viele vorgeschlagen werden oder sich selbst bewerben”, meinte Eckstein. „Es ist wichtig, dass wir Autoren helfen, die im Landkreis Roth leben.”

Der gastgebende Bürgermeister von Schwanstetten, Robert Pfann, erinnerte daran, dass der Landkreis Roth anlässlich seines 25. Geburtstages die Idee hatte, alle drei Jahre einen Literaturpreis auszuloben und dass die Schriftstellerin Elisabeth Engelhardt, nach der der Literaturpreis benannt wurde, aus Leerstetten stammte.

„Wesentlich für die Literatur ist immer gewesen, dass sie nicht nur von den großen Verlagen her, sondern aus der Region genährt wird”, meinte Rundfunkautor Dr. Reinhard Knodt, der die Laudatio auf den Preisträger Willi Weglehner hielt. „Ich bin froh und stolz, dass Literatur so zu verstehen ist und nicht ausschließlich vom Markt und vom Geschäft diktiert wird.”

Es gebe unter fränkischen Schriftstellern eine Art der Bescheidenheit, für die der Ausdruck „Schöpferisches Understatement” gelte, sagte Dr. Knodt. Dieses schöpferische Understatement habe bei Klaus Schamberger dazu geführt, dass er, nachdem er vom Preis erfuhr, behauptet habe, er wäre im Grunde gar kein Schriftsteller, sondern eher ein verkommener Journalist. „Mit Willi Weglehner haben wir offenbar ein zweites solches Exemplar des schöpferischen Understatements gefunden, denn auch von ihm erfahren wir, er sei `kein begnadeter Schriftsteller`”.

„Willi Weglehner schrieb eine Anzahl Romane, hauptsächlich für Jugendliche und jüngere Erwachsene, die sich mit einem zentralen Thema beschäftigen, nämlich mit dem Menschenrecht”, hob Dr. Knodt hervor. „Dieser thematische Schwerpunkt des Menschenrechts, aber auch die gewaltige Recherche- und Arbeitsleistung, sowie die zwar gelegentlich drastische und belehrende, niemals jedoch inhumane Perspektive, die das Menschenrechtsproblem auf der Folie des Nationalsozialismus durchspielt, war für die diesmal sehr kontroverse Wahl der Jury schließlich ausschlaggebend.”

Willi Weglehner, so Dr. Knodt weiter, habe vieles geschrieben, was man bei anderen begabten Autoren der Region auch finden könne: Gute-Nacht-Geschichten für Kinder, Aphorismensammlungen und Schlagertexte, ein autobiographisches Buch über den Windsbacher Knabenchor und vieles mehr. „Was aber nicht so leicht überbietbar sein dürfte, sind drei große und in den letzten Jahren entstandene Romane, die den Dreh- und Angelpunkt der Menschenrechte hautnah aufarbeiten und dazu den Präfaschismus in Franken als Dokumentfolie benutzen.”

„Statt Tragik schaffen Weglehners Bücher Spannung und Stimmung”, so Dr. Knodt weiter. „Er schreibt erschütternde und anrührende Szenen, er ist in der Lage, schier Unbeschreibliches zu beschreiben und neu zu erfinden und er macht das alltägliche Heldentum und die Not Einzelner, fast dokumentarisch anschaulich.” Schließlich stelle er auch immer wieder Kinder in den Mittelpunkt seiner vielen Erzählungen, Kinder, die Erstaunliches leisteten, die Schlimmstes sähen, die fürs Leben gezeichnet seien.

„Und weil auch immer wieder Eltern auftreten, die ihren Kindern erklären müssen und es oft nicht können, deswegen sind diese Bücher wertvoll und sollten ein junges Publikum finden”, erklärte der Laudator. „Was sie nämlich durchaus vermögen, ist, eine Sensibilisierung zu schaffen für etwas, das in Deutschland vielleicht immer noch zu kurz kommt oder vielleicht auch nach wie vor missverständlich betrachtet wird – die Sensibilität für Menschenrechte, genauer, für das, was man Menschen gegenüber darf und das, was man nicht darf.” Willi Weglehners Bücher arbeiteten konkret mit am Programm der Humanität.

„Ich werde diesen Preis nicht ablehnen, obgleich mir der Deutsche Fernsehpreis lieber gewesen wäre”, witzelte der Preisträger und parodierte dabei den „Literatur-Papst” Marcel Reich-Ranicki. Humorvoll erklärte er, dass er „im gesegneten Alter von 60 Jahren” nun doch eine Urkunde erhalte, nachdem er als Schüler bei den Bundesjugendspielen keine einzige Urkunde bekommen habe.

„Bücher können Botschaften vermitteln oder unterhalten”, so Weglehner weiter. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass unsere Demokratie ihre Totengräber hätschelt.” Weglehner: „Wir tragen an der Schuld, dass in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen zu Tausenden vernichtet wurden, und wir haben eine große Verantwortung.” Bücher seien ein Weg, der jungen Generation zu helfen, dass sie nicht Rattenfängern auf den Leim gehen: „Die Gepeinigten müssen Gesichter bekommen.”

Abschließend las Preisträger Willi Weglehner zwei längere Passagen aus seinen beiden Romanen „Nahkampf” und „Franzl – keiner weiß wohin” vor und fesselte die Zuhörer durch einen ausdrucksvollen Vortrag.

Porträt vom 30. Juli 2008, “Nürnberger Nachrichten”

Donnerstag, Juli 31st, 2008

NN/HA/FEUI/FEUI1 – Mi 30.07.2008 – KULTUR
PORTRÄT {DAS PORTRÄT}
Literarischer Ausbruch aus der bürgerlichen Welt
Der Autor Willi Weglehner hat Romane über den Faschismus in der Provinz, aber auch Schlagertexte geschrieben
Das Schreiben ist für den in Thalmässing lebenden Autor Willi Weglehner ein Mittel zur „Welt- und Selbsterkenntnis“. So vielfältig wie die Erfahrungen seines mittlerweile 60 Jahre währenden Lebens ist seine literarische Produktion. Weglehner schrieb „Gute-Nacht-Geschichten“ für Kinder, diverse Schlagertexte, Dokumentarromane und einen autobiografischen Bericht seiner Erlebnisse beim Windsbacher Knabenchor.
Weglehners Vater Wilhelm war in den 50er Jahren Bürgermeister in Thalmässing, ein äußerst strebsamer Mann und konservativer Lutheraner, der in seinem Sohn von Anfang an quasi eine „verbesserte Neuauflage“ seiner selbst sah. Der Junge sollte es unbedingt zu etwas bringen in der Welt. Der erste Schritt zum Erfolg schien geschafft, als der mit einer schönen Singstimme begabte Willi im Alter von neun Jahren in den Windsbacher Knabenchor aufgenommen wurde. Seine traumatischen Erlebnisse im Kreis der Sängerknaben schilderte er später in dem — bislang unveröffentlichten — Text „Internierung/Singet dem Herrn“. Chor und Internat in Windsbach haben nach Willi Weglehners heutiger Auffassung allerlei Spuren in seiner Psyche hinterlassen, jedoch „vor allem eine unbändige Lust, aus der bürgerlichen Welt auszubrechen“.
Dennoch hat er nach dem Abitur auf Drängen des Vaters begonnen, Jura zu studieren. Viel lieber als die regulären Vorlesungen besuchte er aber die von linken Gruppen an der Universität veranstalteten marxistischen Seminare. Zeitweilig wurde er sogar Mitglied einer maoistischen Sekte. Er beteiligte sich nicht nur an großstädtischen Demonstrationen, sondern demonstrierte auch im heimatlichen Thalmässing seine Ablehnung der väterlichen Wertvorstellungen. Geld und Karriere hat er damals mit harschen Worten verurteilt, er wollte eigene Wege gehen, „gesellschaftlich nützliche Arbeit“ leisten.
Die späten 70er Jahre brachten eine gewisse Ernüchterung. Eine nütz-
liche Arbeit fand Willi Weglehner schließlich als Lehrer an der Grund- und Hauptschule seiner Heimatgemeinde. So ganz konnte ihn das Unterrichten aber nicht ausfüllen. Um die emotionalen Lücken zu schließen, besann er sich auf seine alte Liebe, die Musik. Zwischen 1980 und 1992 war er nebenberuflich Komponist, Texter und Produzent im Bereich Unterhaltungsmusik. Über die Liedtexte fand er zur Literatur. Nachdem er im Jahr 2000 den Lehrerberuf aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen, wäre er „sicher seelisch in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen“, wenn er nicht „das Schreiben als Therapie“ gehabt hätte, sagt er.
Leben eines Sinto
Im Nürnberger „mabase“-Verlag erschienen 2005 gleich zwei Romane von Willi Weglehner („Der Viehhändler“ und „Nahkampf“). Beide Bücher beruhen auf historischen Dokumenten und Berichten von Zeitzeugen über die NS-Zeit in Franken. In beiden Fällen schildert der Autor ausführlich die sozialen und weltanschaulichen Gegebenheiten in der fränkischen Provinz, welche den Aufstieg des Faschismus in hohem Maß begünstigt haben. Er macht aber auch klar, dass manche der faschistoiden Denk- und Lebensweisen den Zusammenbruch des NS-Staates überlebt haben.
Der in manchem Schlupfwinkel des kleinbürgerlichen Gemüts bis heute gedeihende Rassismus begegnet zum Beispiel den Volksgruppen der Sinti und Roma nach wie vor mit aggressiver Ablehnung. Besonders wichtig ist daher Willi Weglehner sein 2008 erschienenes Buch „Franzl — Keiner weiß wohin“, eine romanhafte Bearbeitung der Lebenserinnerungen des Sinto Franz Rosenbach. Seit der Arbeit an dem Buch gestalten Rosenbach und sein Biograf auch gemeinsam Geschichtsstunden an Gymnasien und Hauptschulen in der Region. „Meine gesellschaftskritischen und aufklärerischen Ambitionen habe ich halt immer noch nicht ganz aufgegeben“, gesteht Weglehner. Um gleich anzufügen: „Obwohl ich mir natürlich über die aufklärende oder gar weltverändernde Wirkung von Literatur keine Illusionen mache.“ BERND ZACHOW

Vom Windsbacher Chorknaben zum unbequemen Linken: Der Thalmässinger Autor Willi Weglehner. Foto: Wilhelm Bauer