Presse

Franzl-Keiner weiß wohin

Dienstag, Mai 6th, 2008

Leben, Überleben und Weiterleben

Thalmässing (HK)

Sein neues Buch “Franzl – keiner weiß wohin” stellt Willi Weglehner am Sonntag im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vor. In seinem neuen Werk erzählt Weglehner das Leben des Sinto Franz Rosenbach, der das KZ Auschwitz überlebte.

Bild: Sieben Wochen lang lebte und litt Willi Weglehner mit Franz Rosenbach. In dieser kurzen Zeit entstand sein neues Buch “Franzl – keiner weiß wohin”. Am kommenden Sonntag wird es im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vorgestellt. – Foto: Karch In nur sieben Wochen hat Willi Weglehner seinen neuen Roman geschrieben. “Und in diesen sieben Wochen war ich der Franzl”, erinnert er sich an das intensive Mitleben und Mitleiden mit seiner Hauptperson. In diesem Franzl lässt Weglehner die Geschichte der Sinti und Roma lebendig werden, die seit Jahrhunderten von Diskriminierung und Verfolgung geprägt ist, die unter den Nationalsozialisten ein unvorstellbar schreckliches Ausmaß annahmen. Einfühlsam und anrührend, aber auch spannend und geschichtlich fundiert erzählt der Autor vom Leben, Überleben und dem Weiterleben des Sinto Franz Rosenbach.
Schnörkellose Fakten
Rosenbach kennen gerade die Jugendlichen gut, besucht er doch regelmäßig Schulen, um dort aus seiner autobiografischen Dokumentation “Der Tod war mein ständiger Begleiter” vorzulesen. Der freundliche ältere Herr, der vorne am Pult sitzt, schildert dabei sein Leben schnörkellos und unprätentiös – eine Ausschmückung ist auch gar nicht notwendig, so schockierend sind die Fakten, die die Jugendlichen dabei zu hören bekommen. Auch an der Hauptschule in Thalmässing war Franz Rosenbach schon zu Gast, vermittelt von Willi Weglehners Frau Heidi, die ihn bei einer Exkursion nach Flossenbürg kennen gelernt hatte.
Viele Male war Rosenbach seither bei Weglehner zu Besuch, der im vergangenen Sommer auf der Grundlage von Rosenbachs Dokumentation begann, dessen Leben als Roman zu erzählen. Für Weglehner war es “zwingend”, diesen Roman zu schreiben, weil die “Sinti und Roma keine Lobby haben”. Weglehner widmet seinen Roman deshalb auch “Franz Rosenbach, den überlebenden Schwestern, posthum den in Auschwitz umgebrachten Eltern, stellvertretende für alle, die dem mörderischen Wahn zum Opfer fielen”.
Franzl Rosenbach, ein Sinto aus Böhmen, zieht mit seiner Mutter und den Schwestern als Stoffhändler über Land. Zusammen mit Johann Hochleitner, einem Zimmerer, werden sie im österreichischen Döllersheim sesshaft und führen ein Leben wie alle anderen Dorfbewohner auch. Doch nach und nach legt sich ein immer dunklerer Schatten auf die Idylle, Franzl wird vom Schulbesuch ausgeschlossen, die Registrierungsbehörde wird bei seiner Mutter vorstellig, der Schmied wird zusammengeschlagen, der Pfarrer abgeholt. Johann wird öffentlich als “Rassenschänder” bedroht, weil er mit einer “Zigeunerin” zusammenlebe. Franzl wird schließlich ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Er muss nach Buchenwald, ins Lager nach Dora und schließlich auf einen Todesmarsch nach Oranienbaum. Vor Dessau gerät Franzl in amerikanische Gefangenschaft. Von dort aus macht er sich auf die Suche nach seinen Verwandten in Böhmen. Noch einmal muss er, der so viel schon erdulden musste, hinter Gitter: In Nürnberg wird er wegen “illegalen Grenzübertritts” zwei Wochen eingesperrt.
Dabei erinnert sich an Worte seines Vaters: “Wir sind und bleiben Zigeuner, niemand will uns haben, staatenlos, vogelfrei.” Und der junge Franzl fragt sich “Wo ist unser Himmel”. Und es kommt ihm vor, als höre er die Stimme seiner Mutter, die in Auschwitz zurückgeblieben war. “Warum fragt du immer noch so viel, Bub? Es hat keinen Sinn zu fragen, niemals . . . es ist sinnlos.”

Von Andrea Karch

Rezension “Nahkampf” AZ Nürnberg

Mittwoch, April 30th, 2008

AZ Rezension 'Nahkampf'
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Franzl – Keiner weiß wohin

Mittwoch, April 23rd, 2008

Nürnberger Nachrichten

Mi 05.03.2008
Die Tragödie eines fahrenden Volkes
Willi Weglehner stellt seinen dokumentarischen Roman über Franz Rosenbach vor
Aus den Erinnerungen des KZ-Überlebenden Franz Rosenbach hat der Autor Willi Weglehner einen Roman gemacht, aus dem er am Sonntag, 9. März, im Nürnberger Dokuzentrum am Dutzendteich erstmals vorlesen wird (Beginn: 11.30 Uhr).

Neben den Juden gehörten in der NS-Zeit vor allem die als „Zigeuner“ bezeichneten Sinti und Roma zu den Opfern rassistischer Verfolgung. Während des Zweiten Weltkrieges wurden rund fünfhunderttausend Angehörige jener Volksgruppen ermordet. Allein am 2. August 1944 starben in Auschwitz-Birkenau fast 3000 von ihnen in den Gaskammern. Der heute 80-jährige Sinto Franz Rosenbach überlebte die Gräuel der Konzentrationslager.
Bei der Beschreibung der Familie seines Helden musste Weglehner sich einfühlen in Menschen, die mental in einer archaischen Stammesgesellschaft lebten, und denen daher Regierungen, Staaten und Staatsgrenzen ebenso fremd waren wie politische und weltanschauliche Theorien.
Franz Rosenbach, der im Roman Franz Weiss heißt, wird 1927 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Einige Jahre später wandert der kleine Franzl mit Mutter, Schwestern und mit einem neuen (Zieh-)Vater in die österreichische Republik ein, die immer noch einen Schimmer vom multikulturellen Altösterreich verbreitet.
In einer kleinen Gemeinde scheint die Familie nach einigen Anlaufschwierigkeiten fast mustergültig integriert zu sein. Franz Weiss besucht die Dorfschule, der Ziehvater arbeitet als Handwerker für die österreichische Armee, die Mutter als Näherin. Die Lage verschlechtert sich aber nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Von den Gründen ahnen Franz und die Seinen nach wie vor nichts.
Der Junge wundert sich zwar, als man ihm eines Tages mitteilt, für ihn sei die Schule nun aus. Dass diese plötzliche Zurückweisung etwas mit dem Rassenwahn der neuen Herren zu tun hat, wird er erst viel später verstehen. Vorläufig ist er zufrieden, eine Lehrstelle bei der Bahn zu bekommen. Dort braucht man so junge und kräftige Burschen wie ihn, meint er. Doch die Obrigkeit entscheidet anders. Aufgrund einer „Anordnung des Reichsarbeitsministeriums über die Beschäftigung von Zigeunern“ wird der mittlerweile 15-jährige von seinem Arbeitsplatz weg in ein KZ gebracht. Es folgt Zwangsarbeit im Kanalbau, im Steinbruch und am Verbrennungsofen in mehreren Lagern. Kurz vor Ende des Krieges wird er mit 700 weiteren Häftlingen in Richtung Hamburg-Neuengamme auf den Marsch geschickt. Nach vielen Kilometern zu Fuß sind auch die paar Bewacher derart erschöpft, dass sie Rosenbach-Weiss entkommen lassen.
In Deutschland gestrandet
Er macht sich auf die Suche nach seiner Familie, kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück. Weil seine Suche in Österreich erfolglos bleibt, und weil seine Mutter ihm einst erzählt hat, sie seien eigentlich Deutsche, wendet er sich schließlich wieder Deutschland zu. Immer noch nicht ahnend, welche Rolle der deutsche Staat in der Tragödie seines Volkes gespielt hat.
Zufällig landet er in Nürnberg, wo er für ein Gericht ein illegaler Grenzgänger ist, ein Staatenloser ohne gültige Papiere. Kein Ausweis, das könne doch nicht sein, heißt es, zumindest einen Entlassungsschein aus dem KZ hätte man ihm doch ausstellen müssen. Franzls erster Weg im befreiten Deutschland führt in eine Gefängniszelle. Wie er mit alledem dennoch irgendwann und irgendwie zu leben gelernt hat, wird Franz Rosenbach bei der Buchvorstellung am 9. März selbst schildern. BERND ZACHOW

Der KZ-Überlebende Franz Rosenbach zeigt seine im Unterarm eintätowierte Häftlingsnummer. Foto: Daut

Willi Weglehner: Franzl — Keiner weiß wohin. mabase Verlag, Nürnberg, 290 Seiten, 15,80 Euro.