Ehre, wem Ehre gebührt

Ehrenämter, das heißt, Tätigkeiten, die jemand unentgeltlich, dafür aber mit persönlichem Engagement und aufopfernder, zeitintensiver Tatkraft ausübt, wurden in den letzten Jahren erfreulicherweise in der Öffentlichkeit aufgewertet. Ziemlich untypisch für unsere Zeit, nicht? Jetzt wurde einer geehrt mit der Günther-Buddelmann-Medaille. Was das ist, weiß ich nicht, aber es ist immerhin eine Medaille. Sowas ähnliches wie ein Orden wahrscheinlich. Recht so, warum nicht auch mal wieder ein Orden für einen verdienten Zeitgenossen, obwohl man die Zeit der Orden als vergangen glaubte. Auch der Name des Geehrten liest sich gut: Prof. Hans-Joachim Sewering. Den kennt man, denn der war lange Präsident der Bundesärztekammer. Präsident… na ja… Bundesärztekammer… hm, hm. Man kommt ins Grübeln. Das riecht irgendwie nach Funktionär… nach Kohle, nach viel Kohle sogar. Ehrenamt? Aber bitteschön, er wurde vom Bundesverband Deutscher Internisten ausgezeichnet. Die werden schon gewußt haben, warum. Und nicht schon wieder dieser Neid, Herrschaften! Außerdem ist der Herr Professor 92 Jahre alt, da wird man ihn wohl endlich ehren dürfen. Und daß er sich an einiges nicht mehr erinnert, ist auch mehr als verständlich, zumal Erinnerungslücken bzw. Gedächtnisschwund Zeichen unserer Zeit sind. Folgen der vielen Arbeit, der Reizüberflutung. Die Mediziner nennen das manchmal Amnesie. Was Wunder also, daß sich der Herr Professor nicht mehr erinnert, mal SS-Arzt gewesen zu sein. Irgendwas mit Behinderten. Hoppla… Grafeneck, Brandenburg, Pirna, Hadamar, Eglfing-Haar kommen dem nicht Amnesierten in Erinnerung. Manche wissen sogar noch von Autobussen mit der Aufschrift „Kaisers Kaffeegeschäft“. In diese Busse wurden Behinderte eingeladen, doch statt Kaffee und Kuchen gab´s Auspuffgase. Euthanasie, zu deutsch „guter Tod“ war die wohlmeinend-erlösende Bezeichnung dafür. 70.000 wurden erlöst von den Qualen ihrer Behinderung. Komisch nur, daß Behinderte so gerne lachen. Aber der Herr Professor überwies doch lediglich sechs bis acht Patienten von Schönbrunn nach Eglfing-Haar. Und außerdem stecken da wieder nur diese ewigen Rächer vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem dahinter. Die sollen doch endlich aufhören mit ihrem Gestänker. Was vorbei ist, ist vorbei! Irrtum, denn Mord verjährt nicht. Auch nicht die Beihilfe dazu. Also: Ehre, wem Ehre gebührt. Aber nicht diesem Mann. Wie wäre es hingegen mit einer Schmuddelmann-Medaille für ihn?

Gregorianisches

Wenn es bis vor 19 Jahren darum ging, jemandem, der einem nicht paßte, die Ehre abzuschneiden, war es am kommodesten, ihn der Homophilie, der Pädophilie oder zur Not auch gewisser  Sonderformen der Heterophilie zu zeihen. Je nachdem, was den einfallsreichen Saubermännern gerade am unappetlichsten erschien. Seit unserer glorreichen Wiedervereinigung steht ein neues, hochwirksames Mittel, das alles andere ohne beeinträchtigende Nebenwirkungen aussticht, verschreibungsfrei auf dem Markt der Gefühle zur Verfügung: Stasi, IM, Spitzel, Denunziant, Verräter. Momentan ist wieder einmal Gregor dran. Wie vor zehn Jahren schon mal. Kam da was raus bei? Na ja, vielleicht ist da eine neue, hochbrisante Aktenlage herangereift. Ach pardon, der Eindeutigkeit halber: Es geht nicht um den großen Gregor, den Papst, sondern um den Kleinen, den Gysi. Aba Vorsischt, der is nich uff de Schnauze jefallen, der kann bellen. Grejorianisch ebend, wa! In dubio pro reo, heißt es, im Zweifel für den Angeklagten. Na sowat, hamse den etwa schon anjeklaacht? Vor Jericht unn so?

Manfred Korth „Ins Grün getaucht“

Ins Grün getauchte Gefühle glitzern und glänzen im Tau tropfender Träume; es wuchern und wachsen Blüten, Blätter und Bäume. Welke Wünsche leuchten noch kurz in feurigen Farben, bevor sie wirbelnd fallen; am Ende bilden sie doch nur der Sehnsüchte Narben.   Eisige Winde pfeifen durch kahle Stellen, kalt, gefühllos und ohne Gewähr, in den Adern ruhen neue Säfte, aus denen frische Triebe keimen und quellen, in Kürze ist der Zweig nicht mehr leer. Denn ins Grün getauchte Gefühle glitzern und glänzen im Tau tropfender Träume; es wuchern und wachsen Blüten, Blätter und Bäume.  

Geier im Sturzflug

Alarm, Leute, Feurio! Macht euch auf die Socken, trödelt nicht, sputet euch, rennt, hechelt, schwitzt gefälligst einmal in euerem Leben, häufelt, kumuliert, rafft zusammen, was geht, es ist höchste Zeit! Was denn? Wie denn? Wo denn? Geld, Wertpapiere, Goldbarren oder was? Quatsch, habt ihr doch sowieso nicht mehr. Nein, Krankheiten. Nehmt alle verfügbaren Krankheiten. Am besten auf einmal. Halt, nein, das bringt nichts. Lieber nacheinander, eine um die andere, ohne Pause. Sukzessive, sagt man. Aber warum denn? Wir sind doch froh, gesund zu sein. Warum sollen wir auf einmal krank werden? Noch dazu in diesem Umfang? Menschenskinder, fragt nicht so dämlich und vor allem nicht so lang. Ab 1. Januar 2010 dürfen alle gesetzlichen Krankenkassen pleite machen. Was tut ihr dann mit den noch anstehenden Krankheiten, he? Die Siechenspitäler werden wieder eingeführt, Strohsäcke statt Betten, Holzkrücken, Chefarzt Doktor Eisenbart, wiedewiedewitt, bum, bum, noch nicht begriffen? Mensch Meier, der Geier ist im Sturzflug! Moment, noch was. Geht wieder wählen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis auch Regierungen pleite machen dürfen. Dann müßt ihr gradestehen dafür. Zehntabgabe, Hand- und Spanndienste, Leibeigenschaft, Pranger, Schuld- und Hungerturm. Reicht das vorläufig? (Quelle: dpa, 22. Mai 2008)

Exorzismus

Es war ganz einfach damals: Ein gewisser Jesus von Nazareth brummte zornig, nachdem der andere ihn zum wiederholten Mal belästigt hatte: „Apage, Satanas!“, und der Finsterling trollte sich auf der Stelle. Nun, seitdem sind gut 2000 Jahre vergangen, und die Position des Unruhestifters hat sich mit Sicherheit nicht verschlechtert. Im Gegenteil, die Menschen nehmen nur allzu gern seine Modeempfehlungen an und laden ihn sogar zu sich nach Hause ein. Auf Schritt und Tritt sieht man sie Hand in Hand und in langen schwarzen Mänteln und mit schwarzen Fingernägeln über Straßen und durch Gassen lustwandeln. Wer der Echte und wer der Klon ist, kann selbst ein geschulter geistlicher Blick nicht mehr erkennen. Die Nachfolger des Nazareners haben daher auch sichtlich Mühe, die richtigen Worte dagegen zu finden. Infolge der pisanischen Bildungsreform wird kaum mehr Altgriechisch gelehrt an den Schulen. Muß man aber unbedingt das Graecum haben, um sich die beiden Worte merken zu können? Apage, Satanas! Vielleicht genügt es auch auf deutsch: Hebe dich hinweg, Satan! Dann wird er sich schon erinnern an die Schlappe von damals.

Robert Unterburger „Der Banküberfall“

Es gab eine Zeit, da litt ich permanent unter Geldmangel. Eine hohe Miete, hohe Ausgaben für Auto, Klamotten, Konzertkarten und Luxusartikel sowie ein aufwändiger Lebensstil sorgten dafür, dass bei mir schon regelmäßig am Monatsanfang Ebbe in der Kasse war.

Ich überlegte hin und her, wie ich zu Geld kommen könnte. Bekannte und Verwandte anzupumpen, war nicht mehr möglich, denn die hatte ich schon zu oft angepumpt und die waren mir böse, weil ich es nie geschafft hatte, das geliehene Geld zurückzuzahlen. Von denen würde ich keinen Cent mehr kriegen. Einen Kredit von der Bank bekam ich auch nicht, weil ich in ihren Augen nicht kreditwürdig war.

Blieb nur noch die Möglichkeit, mir illegal Geld zu beschaffen. Ich entschloss mich, einen Banküberfall zu riskieren. Also besorgte ich mir alles, was man für einen Banküberfall braucht: eine Schreckschusspistole, eine schwarze Pudelmütze, in die ich Sehschlitze schnitt und einen schnellen Fluchtwagen. Da ich in Geldnöten war, rechte es nicht für einen Fluchtwagen. Ich begnügte mich mit dem Fahrrad, das ich vorher auf Hochglanz polierte.

Kurz vor Schalterschluss war es dann so weit. Ich radelte bis zur Bank, grüßte höflich die Kunden, die noch schnell irgendwelche Geldgeschäfte erledigen wollten, und die grüßten höflich zurück.

„Na, wollen Sie auch noch schnell Geld abheben?“, fragte mich ein Bekannter, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte.

„Nein, ich begehe einen Banküberfall“, antwortete ich wahrheitsgemäß und zog die Wollmütze aus der Hosentasche.

„Na, Sie sind mir ja einer!“, lachte der Bekannte, „Sie sind ja ein richtiger Scherzkeks! Immer einen Witz auf Lager!“

„Das ist kein Witz!“, entgegnete ich, zog die Mütze über den Kopf, nahm die Pistole in die Hand und stürmte in das Gebäude. Mein Bekannter blieb draußen mit offenem Mund stehen und schaute mir ungläubig nach.

In der Bank machte ich es genau so, wie ich es in einem Film gesehen hatte. Ich hielt die Schreckschusspistole an die Decke, gab einen Warnschuss ab und schrie: „Alle mal herhören! Das ist ein Überfall! Geld her oder ich schieße!“

Leider musste ich nach meinem drohenden Schrei furchtbar niesen. Gedankenlos zog ich die Mütze nach oben und schnäuzte kräftig ins Taschentuch. Dadurch konnten die Leute, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, mein Gesicht sehen, und man erkannte mich. Blitzschnell zog ich die Pudelmütze wieder über das Gesicht, doch es war zu spät.

„Aber, aber, Herr Meyer“, sagte der Mann hinter der dicken Panzerglasscheibe, „wer wird denn kurz vor Dienstschluss noch für Aufregung sorgen? Seien Sie doch vernünftig, das erspart Ihnen viel Ärger!“

„Ich bin nicht vernünftig!“, schrie ich aufgebracht . „Machen Sie das, was ich von Ihnen verlange!“

„Wie Sie meinen, Herr Meyer“, erwiderte der Kassier und schaute mich strafend an. „Wollen Sie das Geld in großen Scheinen oder soll ich auch kleine Scheine mit einpacken!“

„Große Scheine!“, bellte ich. „Und jetzt aber zack zack!“ Ich musste raus hier, die Wollmütze bereitete mir Höllenqualen, die Wolle kratzte, und ich schwitzte wie ein Pferd.

Anscheinend beeindruckte mein Überfall die Leute ringsherum nicht im Geringsten. Manche unterhielten sich weiter, als wäre nichts geschehen, andere grinsten frech und wieder andere nannten mich einen kleinen Witzbold. Als ein Mann mich gar „einen Stümper“ nannte und ein anderer was von einem Dilettanten faselte, wurde ich fuchsteufelswild. „Ich geb dir gleich einen Stümper!“, schrie ich und nestelte an der Einkaufstasche, in die ich die Geldscheine stopfen wollte. Ich stand unter Stress. Schließlich war es mein erster Banküberfall.

„Halt mal solange die Pistole!“, sagte ich zu dem Mann und gab ihm meine Waffe. Ungläubig nahm der sie in Empfang und tippte sich an die Stirn.

Danach schob ich dem Kassier die Einkaufstüte hin und schärfte ihm ein, er solle sich beeilen.

„Nun machen Sie sich nicht unglücklich, Herr Meyer, seien Sie doch vernünftig!“, mahnte mich der Kassier noch einmal und verdrehte die Augen. Doch ich winkte ab und machte ihm ein Zeichen, das so viel wie „Dalli! Dalli!“ bedeutete.

Offenbar hatte der Kassier unbemerkt auf den Alarmknopf gedrückt, denn es dauerte nicht lange, da kamen zwei Polizisten in die Bank gestürmt. Als sie den Mann sahen, der immer noch meine Waffe in der Hand hielt, riefen sie: „Waffe weg und Hände hoch!“ Vor Schreck ließ der Mann meine Pistole fallen.

Da geriet ich in Wut. „He, was fällt Ihnen ein?“, schrie ich den Mann an. „Das ist meine Waffe! Ich hatte Ihnen doch gesagt, sie sollen sie für einen Moment halten und nicht auf den Boden werfen!“

Statt mir zu antworten, tippte der Mann an die Stirn. „Was bist denn du für einer?“, fragte er mich und schaute mich groß an.

Dann ging alles sehr schnell. Im Nu presste mir einer der beiden Polizisten die Arme nach hinten, es machte „Klick“, und man hatte mir Handschellen verpasst.

„Das kommt davon, weil Sie nicht vernünftig waren, Herr Meyer!“, meinte der Kassier und bewegte seinen Zeigefinger tadelnd hin und her. „Nun müssen Sie die Suppe auslöffeln, die Sie sich gekocht haben!“

„Von einer Suppe kann keine Rede sein!“, brummte ich verärgert, „schade um das schöne Geld!“

Draußen vor der Bank stand immer noch mein Bekannter. Kopfschüttelnd stand er da und murmelte: „Herr Meyer, wie konnten Sie nur so dumm sein? Man wird Sie einsperren!“

„Kümmern Sie sich bitte um mein Fahrrad!“, rief ich ihm nach, als ich in die grüne Minna stieg.

Bei der Gerichtsverhandlung musste ich noch einmal genau schildern, warum ich den Banküberfall verübt hatte, wie der Überfall abgelaufen und warum er gescheitert war. Nach meiner Schilderung kugelte sich der Staatsanwalt vor Lachen und prustete, er habe noch nie so einen Vollidioten wie mich reden hören.

Daraufhin verhängte ich eine Ordnungsmaßnahme von 500 Euro an den frechen Staatsanwalt, doch statt klein beizugeben, lachte der nur noch umso lauter. Auf meine erstaunte Frage, was es denn da zu lachen gäbe, antwortete mir der Richter schmunzelnd: „Mein lieber Mann, Ordnungsmaßnahmen kann vor Gericht nur der Richter verhängen, aber nicht der Angeklagte.“

„Das wusste ich nicht“, sagte ich, und das war die Wahrheit. Diese Erwiderung sorgte für einen allgemeinen Heiterkeitsausbruch bei den Zuhörern. Ich hörte mir das Gelächter eine Zeitlang an und schrie dann aber zornbebend: „Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen!“

Daraufhin bogen sich die Leute noch mehr vor Lachen und wollten gar nicht mehr aufhören. Da beugte sich der Richter zu mir herab und grinste: „Auch das, Angeklagter, liegt nicht in Ihrer Befugnis. Wann ein Saal zu räumen ist, bestimme immer noch ich! Schließlich führe ich die Verhandlung und nicht Sie!“

Die vielen Niederlagen am laufenden Band machten mich wütend. Mit der Faust schlug ich auf den Tisch und rief: „Ich sage jetzt nichts mehr! Ich will meinen Anwalt sprechen!“ Das hatte ich ebenfalls mal in einem Film gesehen, und das hatte mich schwer beeindruckt.

„Ihr Anwalt sitzt neben Ihnen, Sie brauchen auch gar nichts mehr zu sagen!“, beruhigte mich der Richter. „Wir haben alles gehört, die Beweisaufnahme ist beendet. Wir kommen damit zum Urteil.“

Im Namen des Volkes schickte er mich für ein halbes Jahr ins Gefängnis. In seiner Urteilsbegründung erklärte er, das Urteil sei nur deshalb so milde ausgefallen, weil beim Angeklagten von einer verminderten Intelligenz auszugehen sei. Außerdem verfügte er meine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt.

Dort sitze ich nun, schreibe Geschichten und freue mich, dass ich endlich meine Geldsorgen los bin. Ich brauche keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen, ich habe kostenlose Kost und Logis und man sorgt sich um mein Wohlergehen. Dass mich aber der Staatsanwalt als „Vollidiot“ bezeichnet hat, das werde ich ihm nie verzeihen.

Robert Unterburger

Joachim Goetz „Die blaue Blume“

die blaue blume

goethe suchte sie in italien chamisso fand sie im harz ich sah sie kürzlich auf einer couch und dazu noch in einem literatursalon autsch

ganz nett und adrett blühte sie da zwischen ein paar kakteen lieblich anzusehen mit ihrem alles übertönenden den poeten verwöhnenden blaue blumen blick

ein bisschen traurig ein bisschen blass wie gut stand ihr das ich kenne sie und kenne sie nicht vielleicht sah sie mich vielleicht auch nicht

doch ihren duft schickt sie mir nach per post in einem briefumschlag

 juli 07 joachim goetz

Frau Historia

Zitat: „Das was Chávez gesagt hat, ist historisch korrekt.“ […] „…dass die Partei, in der Angela Merkel wirkt, aus einer Partei hervorgegangen ist, die seinerzeit mit den Nazis zumindest indirekt kooperiert hat… Das ist eine historisch zutreffende Darstellung“ (Quelle „Welt am Sonntag“, 18. Mai 2008) Gemeint ist die sogenannte „Zentrumspartei“, eine konfessionell (katholisch) ausgerichtete Partei, die wie alle anderen Parteien 1933 von den Nazis ausgeschaltet wurde. Ohne Zweifel sind die Wurzeln der CDU in jener Zentrumspartei zu finden. Dann aber wird´s glitschig: „zumindest“ … „indirekt“ … „kooperiert“. „Zumindest“ schließt ein „wenn nicht mehr“ nicht aus. „Indirekt“ zielt auf Verborgenes, Geheimnisvolles, Konspiratives, auf ein Körnchen Wahrheit. „kooperiert“ letztlich unterstellt unzweideutig Zusammenarbeit. Politikersprache. Faktum ist, daß Leute aus dieser Zentrumspartei ebenso in den KZ´s verschwanden, mißhandelt und vereinzelt auch umgebracht wurden wie Sozialdemokraten, Kommunisten, Anhänger der Bekennenden (evangelischen) Kirche und Mitglieder von Kaninchenzüchtervereinen. Möglich, nein sicher ist freilich auch, daß andere sich nicht schlecht mit den braunen Staatsterroristen verstanden. Demzufolge kooperierte die SPD bereits vor 1933 zumindest indirekt mit den Nazis, weil sie sich nicht mit der KPD gegen diese verbündete. Für die KPD gilt damit Gleiches. Obiges Zitat ist ein „Statement“ – so sagt man heute – voller Klar- und Wahrheiten. Es stammt von Sarah Wagenknecht. Frau Wagenknecht ist eine schöne Frau. Aber trägt sie die Rosa-Luxemburg-Frisur auch mit historischem Anspruch? Ach, die schönen Frauen… Frau Merkel ist nicht so schön wie Frau Wagenknecht. Muß sie aber deswegen dem Herrn aus Venezuela, der „so historisch korrekt“ argumentiert, gleich die Hand reichen und ihn anlächeln? Frau Historia ist gesichts- und sprachlos. Man kann sich jedoch vorstellen, wie sich ihre Stirn in Falten legt und ihre Stimme brüchig wird.

Halali

Ein Baby habe sie entführen wollen, heißt es. Das ist nichts Besonderes. Eine Frau halt, deren Wunsch nach einem Kind so groß ist, daß sie in ihrem Wahn Grenzen überschreitet. Sie ist 16. Na ja, mildernde Umstände, geistig zurückgeblieben, die Puppenspielphase noch nicht überwunden. Alles bekannt, alles im Rahmen, alles im Griff. Von wegen, denn das Mädchen ist gefährlich. Sie ist nämlich eine Roma. Sinti und Roma, besser bekannt als Zigeuner, was wissenschaftlich bedeutet, „Ziehende Geuner“, pardon „Gauner“, waren schon immer brandgefährlich und haben auch schon immer Kinder entführt. Genauso wie die Juden. Deswegen hat mal einer von der CSU den Michel Friedman einen Zigeunerjuden genannt. Die Kinder werden zuerst entführt, dann gebraten oder sogar zwangsgetauft. Die Juden schändeten zudem heilige katholische Hostien. Das ist einwandfreie Gotteslästerung. „Auch durfte ich eigentlich nicht allein in den Wald gehen, da mich, als ich noch kleiner war, einmal durchziehende Zigeuner mitgenommen hatten, als sie mich allein im Wald spielend fanden. Ein zufällig des Weges kommender Bauer aus der Nachbarschaft konnte mich aber doch noch den Zigeunern entreißen und nach Hause Hause bringen.“ Also schrieb Rudolf Höß, Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Aha, mochten sich seine Richter gedacht haben und ließen ihn aufhängen. EUER BESTIMMUNGSORT IST AUSCHWITZ! war vor einigen Monaten schon auf Tranparenten zu lesen, die Anhänger eines Fußballclubs im Stadion entrollten. Einfach so, obwohl dort überhaupt keine Sinti gegen Roma spielten. Dann wäre es verständlicher, denn Hooligans sind nicht gerade zimperlich. Beim Fußball gelten die Gesetze der Prärie, des Nordpols und des Marianengrabens im westlichen Pazifik, 11.000 Meter unter dem Meeresspiegel, ist doch bekannt. Das Fußballstadion aber liegt nicht irgendwo in der Prärie, am Norpdpol oder 11.000 Meter unter dem Meeresspiegel, sondern in Rom. Rom ist die Hauptstdt von Italien, europäische Gemeinschaft. Der Fußballclub firmiert unter dem Namen „Lazio Roma“. Jetzt ist die Verwirrung perfekt: Roma-Fußball, Roma-Mädchen? Das 16-jährige Roma-Mädchen lebt nämlich auch in Italien. Vielleicht sogar in Roma. Oder in Bella Napoli? Auf jeden Fall vorübergehend, weil die aus der großen afrikanischen Wüste kommen und mal hier, mal da und überhaupt nur so herumleben. Die sind wahrscheinlich sowas ähnliches wie Beduinen, mit Kamelen, krummen Dolchen, Wasserpfeifen mit Haschisch und so. Die Verwirrung verstärkt sich. Wikipedia muß helfen. Wieder ein Aha-Erlebnis, und Klarheit kommt über uns wie das Pfingstwunder. In Italien herrscht die Reinheit Berlusconis. Und die Lega Nord. Und viele andere, die man längst ausgestorben wähnte. Berlusconi hat die Zwinger geöffnet, aus denen der Mob strömt. Daumen nach unten, die fröhliche Jagd kann beginnen. Achtung, eine Durchsage: Italien erreicht man, wenn man Österreich durchquert hat. Umgekehrt verhält es sich gleichermaßen. Ja, ja, alles rechts und deshalb auch gar nicht so schlecht… und bei uns gibt es doch keine Zwinger… wir sind doch… Denkste. Minderheiten aller Völker, vereinigt euch!

Flammen

Für viele Menschen sind Flammen ein Faszinosum. Sonst würden sie nicht zuhauf dorthin rennen, wo es brennt. Was indes an jenem 10. Mai 1933 faszinierte, war nicht das Feuer an sich, sondern das, was in Flammen aufging: Bücher. Fünf Jahre später schlugen die Flammen aus Synagogen, und am Ende ging das Heimatland in Flammen auf, nachdem die halbe Welt bereits verbrannt war. Dann war allen Flammenbegeisterten die Faszination vergangen. Sie hockten in den Bunkern und zitterten. Dabei wäre im Grunde alles ganz einfach gewesen. Ein einziges Buch nur, 1924 geschrieben in der Festung Landsberg am Lech von einem, dem die Flammen des Irrsinns damals schon erkennbar aus dem Hirn schlugen… nein, nicht verbrennen hätte man es müssen, sondern lesen, l e s e n !

Let it be

Let it be… Drei Worte der Weisheit sind das, geflüstert, so, wie es im gleichnamigen Titel der legendären Beatles, einem Klassik-Plagiat, vorgeschrieben ist: Whisper words of wisdom, let it be! Lass die Finger davon… So wird es übersetzt ins Deutsche. Das ist nicht ganz in Ordnung, denn semantisch korrekt bedeutet es Lass es sein (bleiben), wie es ist. Nachfolgend werden wir sehen, dass der feine Unterschied im Grunde unerheblich ist. Jedenfalls für unsere Überlegungen. Und für noch viel mehr. Einer der bedeutendsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hieß Abraham Lincoln. Überdimensional thront er in seinem Memorial in Washington D.C. Viel mehr als das und eine zunehmend verblassende Erinnerung im Zug der seitdem leicht modifizierten politischen Realitäten in den USA ist nicht von ihm geblieben. Ganz dunkel weiß man aber noch, dass er erschossen wurde. Weil er die Gleichstellung der Schwarzen durchsetzte. Einer seiner bekanntesten Nachfolger, John F. Kennedy wurde ebenfalls erschossen. Warum, weiß man allerdings bis heute nicht. Sein Statement Isch bin ain Börlinör können wir als Grund dafür sicherlich ausschließen. Kommen wir zum Kern der Sache. In einer von der ganzen Welt mit Spannung verfolgten Aktion macht sich derzeit wieder einer auf, sich als Zielscheibe zur Verfügung zu stellen. Mit dem alten Abe Lincoln verbindet ihn dessen Einsatz für seine Rasse. Mit John F. sein jungenhaftes, sympathisches Image. Der Farbige mit dem gänzlich unamerikanischen Namen Barak Obama, dessen Großmutter noch immer in Afrika leben soll, rüttelt mit seiner bisher sehr erfolgversprechenden Kandidatur fürs Präsidentenamt an den Grundfesten des weiß-amerikanischen Selbstverständnisses von völkischem Messianismus und der ewigen Überlegenheit der hellhäutigen Rasse. Aber Barak gewinnt doch überall! Amerika ist anders geworden, yeah! Die inquisitorisch-martialischen, fackeltragenden Spitzhaubenmänner vom Ku-Klux-Klan sind endlich ausgestorben, brennende Kreuze abgelöscht forever, die Mafia aller Couleur mit fliegenden Fahnen zur Heilsarmee übergelaufen. Die scharfkralligen Falken haben der Friedenstaube das Lorbeerblatt aus dem Schnabel stibitzt. Na ja, ein Friedensengel war Kennedy auch nicht gerade. Da gab es mal einen Krieg in Südostasien, Domino-Theorie und so. Und Old Abe redet man nach, mit einer schwarzen Konkubine das Lager geteilt zu haben. Aha, daher wehte der Wind… Doch Barak spricht immerhin akzentfreies Amerikanisch. Seine Intergration scheint gelungen. Trotz der afrikanischen Großmutter. Und so richtig schwarz ist er auch nicht mehr. Aber das amerikanische Waffenrecht… und die Südstaatler erst… Mit einem Cowboyhut wurde Barak noch nicht gesehen. Wäre auch ein Sakrileg, nicht? Hinweg mit euren Bedenken, ihr Miese-Peter Stuyvesants, der Junge mit dem unamerikanischen Namen wird Präsident. Weil das Volk es so will. Ist jedoch das Volk überhaupt fähig zu wissen, was es will? Oder tut? Das Volk ist doch dumm. So dumm, dass es nicht mal das weiß. Das weiß ich, weil ich selbst zum Volk gehöre. Wie auch immer, Barak for President! Er zog aus, das Fürchten zu lernen, fürchte ich lieber doch rein vorsorglich. Sollten wir deshalb nicht auch rein vorsorglich Mother Mary aus dem geklauten Beatles-Song zu ihm schicken? Und zur Sicherheit Bobby McFerrin dazu? Letzterer ist immerhin ein Genius der Klassik, und es gäbe nicht mal Übersetzungsschwierigkeiten bei ihm. Let it be, Barak! Don´t worry, be happy! Yeah, jetzt haben wir schon acht Worte der Weisheit. Das wird´n Hit. Lass die Finger davon, lass es bleiben, wie es ist. Sei nicht gram, sondern froh, dass du die Finger davon gelassen hast, Barak, guter Junge. Du bist viel zu nett um zu sterben. Noch ist es Zeit. It´s still time enough to say good bye to Ku Klux Klan and Mafia. Go ahead, Mrs Clinton, hurry up making a fool of your husband finally as he once made a fool of you. Übersetzungsschwierigkeiten? Probleme mit der Semantik? Nee, im wirklichen Leben nicht. Im deutschen Leben wenigstens, ihr DamenHerren Anglistikgermanisten. Yes, I doesn´t, so spricht Obama nicht, das ist deutsche Schulwirklichkeit, viel zu sibyllinisch. Da jauchzt Pisa, was?

Diät

Man kann es drehen und wenden, wie man will und bleibt doch immer im landläufigen Sprachgebrauch gefangen. Dort bedeutet es Reduzierung. Reduzierung von Kalorien. Dies dient dem körperlichen Wohlbefinden, aber auch dem geistigen. Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, so hieß es in der Antike und ist durchaus umgekehrt interpretierbar, nämlich daß nur ein gesunder Geist die Materie auf Dauer gesund erhalten kann. Die moderne Medizin beschreibt dieses Phänomen unter „psychosomatische Zusammenhänge“. Immer neuen Anlaß zu großem Unmut, insbesondere bei Rentnern, liefert hingegen eine andere, geheimnisvolle ja, direkt unheimliche Bedeutung. Eine Diät reduziert nicht, sondern bewirkt just das Gegenteil: Aus Überfluß wird immer mehr. Wie kann das sein? Der Volksmund sagt, der Teufel schisse immer auf den größten Haufen. Hut ab vor dem Volk, aber das ist wohl doch etwas zu unwissenschaftlich. Wir kommen nicht drum herum, das Problem kann nur etymologisch geklärt werden. Also: „Diät“ kommt von dem altgriechischen Wort „Diaita“ – womit wir uns erfreulicherweise wieder mitten in der Antike befinden – und bedeutet „Leben, Lebensweise, Lebensunterhalt sowie Aufenthalt“. Nun hat selbst dem borniertesten Rentner ein Licht aufzugehen. Ein Politiker hat ein anderes Leben, eine andere Lebensweise, einen anderen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er muß zu Gelagen einladen, ein großes Büro bezahlen, einen gepanzerten Dienst-Audi samt Chauffeur mieten, die Finanzierung der Bannmeile mittragen, damit ihm gehässige Rentner nicht zu nahe treten können, hat eine aufwendige Wohnung weit von der Heimat weg (siehe oben > Aufenthalt) einzurichten und dort eine Geliebte zu unterhalten, damit es ihm körperlich gut geht und muß insbesondere beständig medizinisch-psychologische Vorsorgemaßnahmen gegen das Krebsgeschwür Gier vornehmen lassen. Dazu brauchten wir mal einen Gesundheitsminister, der mit gutem Beispiel voranging, sogar im aufopfernden Selbstversuch. Was sagt ihr nun, ihr Rentnerneidhammel? Könnt ihr nicht froh sein, überhaupt noch am Leben gelassen zu werden? Erinnert ihr euch nicht mehr, daß es bereits Pläne gab, euch bei Rot über die Fußgängerampel zu jagen, und zwar zwingend? Und damit ihr es wißt: „Diaita“ bedeutet zusätzlich noch „schiedsrichterliche Entscheidung“. Gegen solche mosert ihr zwar auch ständig auf den Fußballplätzen und akzeptiert sie am Ende doch. Gönnt endlich den Kaisern, was ihnen zusteht. Euere 1,1% Rentenerhöhung laßt ihr demnächst schließlich auch klammheimlich in eueren Hosensäcken verschwinden, obwohl sie euch nicht zusteht!
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