Hu1Hu1

Zuerst hört es sich merkwürdig an. Dann nicht gut. Und schließlich gehe ich zum Tierarzt. Rein vorsorglich und nicht meinetwegen, sondern wegen meines Hundes.
Er hustet, findet der Herr Doktor. Das sei nicht normal. Meine Einlassung, dass ich deswegen gekommen sei, lässt er nicht gelten. Schließlich huste ja nicht ich, sondern mein Hund. Und das sei ein Alarmzeichen. Er müsse Blut entnehmen und an die europäische Tierseuchenzentralstelle einsenden.
Das Ergebnis ist allerdings schon jetzt niederschmetternd: Hu1-Hu1.
HuWas? Meine er vielleicht Uhu? Den Waldvogel? Oder den Klebstoff? Ein Gespenst, das Kinder erschreckt zur Nachtzeit?
Er werde mir gleich ein Gespenst geben, keift er wie  seine Großmutter, die bekannt gewesen war für ihre Geschäftstüchtigkeit. Ob ich mir der Schwere der Diagnose nicht bewußt sei? Hu1Hu1 sei ein bereits bereits mutierter Virus von Hu1, landläufig besser bekannt unter „Hundehusten“. Jederzeit auf Menschen übertrag- und der Pest vergleichbar. Lebensgefahr, Pandemie mit zig-tausenden von Toten, wie bei allen Pestgrippen bisher!
Ich erschrecke bis in die Knochen. Und das im neuen Jahr. Ich hüstele.
„Sehen Sie? Nein, hören Sie?? Das hört sich merkwürdig an. Das hört sich nicht gut an!“
Der Tierarzt weicht bis an die Wand zurück und bindet sich hektisch einen Mundschutz um.
Ich bekomme ein schlechtes Gewissen.
„Ich habe auch eine Katze, Herr Doktor… soll ich vielleicht lieber die…“
Er wird aschfahl und wimmert.
„Hören Sie auf, Mann, hören Sie auf! Sie öffnen die Büchse der Pandora! Her mit dem Vieh! Ka1Ka1, einschläfern, sofort! Kadaver verbrennen!“
Wieder verspüre ich ein Kratzen im Hals und probiere eine verzweifelte Ausrede. „Ich bin Raucher, Herr Doktor…“
„Sie lügen, Mann, sie lügen wie gedruckt! Wie können Sie Raucher sein bei diesem menschenverachtenden Rauchverbot undsoweiter!“
„Aber… ich hab´ soeben die holländische Geißbocksgrippe überstanden… und vorher die Schweinegrippe… das Schneckensyndrom… die stark wuchernde Affenbehaarung… die Amöbenmigräne… und sogar das große Sauriersterben in den Tagen meiner Kinderzeit… intaktes Immunsystem, Herr Tierarzt…“
„Ja, ja, ja, nur schön rausreden, aber den armen Hund anstecken! Und die Katze dazu. Der Rinderwahnsinn hat jedenfalls ganz deutliche Spuren in Ihrem Hirn hinterlassen. Um das zu erkennen, braucht man kein Studium, sondern muss Sie nur reden hören. Und die Storchengonokokken tanzen Ihnen lustig auf der Nase rum. Wäre ich nicht ein Tierfreund und überzeugter Gegner der Todesstrafe, würde ich Sie auf der Stelle keulen. Er muss in Quarantäne, umgehend, am besten nach Stammheim, Fraulein Pandora. Einen Pestkarren mitsamt vermummtem Personal, schnell! Die Räumlichkeiten hier gründlichst desinfizieren, Umzug vorbereiten, Alarmplan „höchste Dringlichkeit“ einleiten!“
In der Lungenheilanstalt besorge ich mir Fachliteratur. Hundehusten, Katzenhusten… nächste Stufe Hundekeuchusten HuKeuHu1, Katzenkeuchhusten KaKeuHu1, Atrophie der Lungenbläschen, oGottoGottoGott… Ich ringe um Luft. Drei Wärter, Vertreter des Bekennenden Grobianismus, die mich in meiner Isolationszelle rund um die Uhr beobachten, springen herbei und zwingen mich unter die Herz-Lun-gen-Blinddarmmaschine.
„Dramatische Verschlechterung.“
„Husten Sie ja nicht! Weder aus dem Schlund noch aus dem After. Wir wollen noch länger leben.“
„Ruf mal vorsichtshalber schon den Bestatter an, Hein! Und den Hauspriester.“
„Protestantisch? Nein, katholisch… gut, letzte Ölung!“

Huste oder röchle, muhe oder blöke, meckere oder grunze ich?
Adieu, schöne Welt, hoch auf dem gelben Wagen… trägt statt der Peitsche die Hippe… wär ja so gerne noch geblieben, aber die Seuche, die rollt…
Da, eine Eingebung im letzten Augenblick! Ich entschließe mich, möglichst tonrein zu bellen und mondsüchtig zu winseln. Routiniert, aber doch sichtbar enttäuscht reagieren die Wärter.
„Er macht sich über das Bundesseuchengesetz lustig.“
„Alles abblasen, den Mann zurück in die Tierarztpraxis, wo er hingehört.
„Raus hier, Sie Simulant!“