Wenn´s um´s Abitur geht…

Jetzt sind sie, von weisen Proviant- und anderen Segenssprüchen ihrer Direktoren bzw. deren Stellvertreter jovial hinauskomplimentiert, wieder von hinnen gezogen, die jungen Hoffnungsträger der Republik. Man könnte auch sagen, die höheren Schulen haben sie ausgespuckt, in nie vorher gesehenen Massen.
Im fortschrittlichsten aller Bundesländer, dem Land der Bayern, das der Herrgott angeblich unter besondere Fittiche genommen hat, mussten „nur einige Wenige“ zu den mündlichen Nachprüfungen, und die Anzahl derjenigen, die es selbst dann auch noch nicht schafften, war verschwindend gering. Die werden beruflich irgendwann mal Amokläufer. Gesicherte Versorgung in bundesdeutschen Haftanstalten, keine nennenswerte physische Überbelastung inklusive, denn auch das gefürchtete Tütenkleben ist kein so harter Job, wie man es dem gutgläubigen Zipfelmützen-Michel noch immer weismachen kann. Vielleicht ist sogar eine Resozialisierung in der Karibik drin.
Wohin aber zieht es die Erfolgreichen unter den deutschen Elite-Abiturtruppen?
An die Unis, welche Frage.
Denn da ist nach wie vor der absolute Renner das sagenumwobene BWL-Studium, das ungeheuren Reichtum als lebenslangen Lohn verspricht, sofern man es einigermaßen durchzieht und vom bisherigen väterlichen Salär oder dem Party-Bafög genug Pennys für einen smarten Anzug mitsamt Krawatte auf die Seite gelegt hat. Dazu passend eine aufgewienerte Glatze und rinne ins Geschäftsleben, sprich, an die Börsen,  dass es kracht! Da werden neuerdings Derivate auf Marsgestein gehandelt und auf Geburtenraten neuer Währungen gewettet, weil der Euro unaufhaltsam durch die Sanduhr bröselt.
Europa? Gemeinsam noch dazu? Ein Witz! Damit kann man doch keine Penunzen mehr machen. Die europäischen Völker müssen wieder anständig bewaffnet werden. Nur so flutscht es, und es wird sogar der Frieden erhalten, weil die angreifenden Franzosen orientierungslos an den deutschen Europa-Flaggen in Kehl am Rhein vorüberfahren, ihre Kommandeure in Baden-Baden mit den Waffenschiebern auf ein Tässchen Kaffee gehen und sich danach nach Luxemburg wenden, das eh halb französisch ist.
Dort aber hängen bereits deutsche Landser an den Fenstern, aus denen wiederum luxemburgische Fräuleins wollustieren und vergessen ihren Marschbefehl, weil´s was Schöneres gibt.
Die Waffenschieber aber reichen Beschwerde ein – beim ehemaligen Europaparlament mit den ständigen Vertretungen in Costa Rica, Andorra und San Marino.
Doch kehren wir zurück zu unseren jungen Weisen, die die Alma Mater Minor mit dem Abiturzeugnis verlassen haben und sich nun anschicken, die Welt aufzumischen.
Es gibt nämlich auch noch ganz Verwegene, die SozPol studieren wollen. Nie gehört? SozPol ist Soziologie plus Politische Wissenschaften, ein Relikt aus der Studenten-bewegung, ein Muss, das damals jeder studierte wie sie heute BWL studieren. Danach chauffierten sie Fahrgäste in gelben Taxen durch die Städte. Praktikum in Sachen Volksnähe.
Aber vielleicht studieren sie es heute unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich, wie man die trägen Massen dem System noch näher bringen könnte. Dazu gehört dann zwangsläufig die Psychologie. So arg verwegen erscheint das daher nur auf den ersten, vorurteilsschwangeren Blick.
Lassen wir sie, denn entweder sind sie so systemkonform, dass sie es tatsächlich zu etwas bringen oder sie werden halt auch Taxi fahren. Dann allerdings müssen sie ein Ergänzungsstudium dranhängen: Urbangeographie. Denn wenn ein Taxifahrer seinen Fahrgast fragen muss, wo dessen Ziel denn zu finden sei, ist das äußerst schlecht für´s Geschäft.
Die Rikschafahrer haben es da leichter, denn sie können sich umschauen, wohin es geht und im gemächlichen Vorbeitreten notfalls Passanten fragen.
Wieder andere studieren Touristikwissenschaften in Verbindung mit Animateuristik und Pädagogik aus dem Crash-Angebot der Frauenzeitschrift „Brigitte“, machen Weltreisen auf Kreuzfahrtschiffen, sofern der Kapitän nicht gerade Freunde und Verwandte in Ufernähe grüßen will  und tanzen mit Alt und Jung auf den Riesenpötten. Paradiesisch!
Wie man erfährt, werden allein in Bayern zu Beginn des neuen Schuljahres ca 30.000 Wiederholer, auch Sitzenbleiber genannt, die nächst niedrigere Klasse bereichern. Dort sind sie dann nicht nur die Kings, sondern es ist auch recht so, denn wir wissen: Repetitio est mater studiorum. Also bleiben sie einfach sitzen, machen Facebook-Ferien und Permaparty in der Schule und warten. Daß dabei jede Menge Inventar zu Bruch geht, haben sie nicht zu vertreten. Der Hausmeister wird sie nicht rausschmeißen können, weil sie ja ein Zeugnis haben, das ihnen den Aufenthalt gewährleistet.
Auf die muss die Uni halt ein Jahr länger warten. Das ist ein Naturgesetz bei verkappten Genies. Und Genies sind sie, da gibt es keinen Zweifel, denn sie holen sich, ein wenig am Rande der Legalität zwar, aber durchaus vernünftig, das G 9 zurück.
Was aber gedenken die weniger Wagemutigen anzufangen mit ihrem Zeugnis der Reife?
Dafür sorgen die Schulen selbst, die ihren Zöglingen jahrelang Bänkerdenken vermittelt haben: Adrett, freundlich, in der Sache hart.
Menschen spucken zwar aufs Trottoir, aber nie hinter Bankschalter. Warum nicht? Weil das eben die Schulen tun, denn sie spucken Abiturienten aus, die dann dort stehen und freundlich sind. Denn wenn´s um´s Geld geht… pardon:
Wenn´s um´s Abitur geht,
Sparkasse!