Aetas obscura

Was der Mythologieskeptiker längst vermutet hatte, scheint sich nun endlich zu bewahrheiten: Aetas aurea ist vorbei. Beziehungsweise es hatte nie existiert.
Dabei hatte alles einmal angeblich so schön angefangen.
Aetas aurea, das goldene Zeitalter, versponnen und verwoben in die/den Mythen der Antike, in der jüdisch-christlichen Tradition mit dem Paradies oder, wie man das auch gerne nennt, mit dem Schlaraffenland vergleichbar, durchdrang das Denken und verbildlichte die Sehnsüchte der Menschheit. Das Lämmchen ruht neben dem Löwen, gebratene Tauben und Spanferkel, mit Messer und Gabel garniert, fliegen durch laue Lüfte auf der Suche nach Hungrigen, die es nicht gibt.
Da geschahen plötzlich Dinge, die bis heute einer Erklärung harren: Das Weib wurde neugierig, quasselte mit der Schlange und erfuhr, dass nicht Geiz, sondern Nacktheit  geil ist.
Peng!
Aus war´s mit dem schönen Leben. Der Mensch musste hinaus in Hitze und Kälte, mit der Spitzhacke arbeiten und Vorräte anlegen wie das Eichhörnchen. Von den Vorräten konnte er freilich nicht genug kriegen, denn wenn der geschicktere Nachbar ein bisschen mehr hatte, geriet der Andere in Angst, er könnte Hungers sterben. Schleichend begann sich zu entwickeln, was heute, ob arm oder reich, in aller Munde ist: die Gier. Und ihr Bruder Geiz verdrängte die Nackheit in der Werbung.

Überhaupt nicht mythisch dagegen waren die griechische Demokratie und Pax Augusta in Rom. Freilich eine Art Katzengoldzeit, denn sie funktionierte nur, wenn man Menschen einfing und als Sklaven für sich schuften ließ.
Engültig finster wurde es im Mittelalter. Der Mensch lernte sehr schnell aus den zerstörerischen Urgewalten der Natur z.B. des 14. Jahrhunderts, das als kleine Eiszeit bekannt wurde und erfand neben den alltäglichen Kriegen von Raubes wegen das Schießpulver und Einrichtungen wie die Inquisition sowie den Pranger, an dem es sich gar nicht schön prangte.
Nach Aetas aurea kam also Aetas obscura in mehr oder weniger finsterer Schattierung und hörte nicht mehr auf.
Die neueste Zeit schließlich brachte trotz des Geistes der (nicht-sexuellen) Aufklärung, der Entstehung demokratischer Denkweisen und sogar schon solcher Strukturen und Staatsformen ein ganzes saeculum obscurum mit zwei Schlachtkriegen, die der Welt die Fetzen um die Ohren fliegen ließen.Danach schien sich das Dunkel zu lichten, und die Menschen aus nördlichen Gefilden fielen, weil sie plötzlich einen Haufen Kohle hatten, wie die biblischen Heuschrecken in das Land ein, wo die Zitronen blüh´n. Die gewitzten Eingeborenen dort, von den neuen Eroberern bewundernd Itaker oder Spaghettis genannt, zögerten nicht lange, zogen in die umgekehrte Richtung, eröffneten eine Pizzeria nach der anderen und machten das arme-Leute-Essen zur neuen Nationalspeise. Fortan hatten die Menschen das ganze Jahr Urlaub bei Antonio gleich um die Ecke und sagten nur noch Tschau.
Auf dem Höhepunkt dieses neuen goldenen Zeitalters gab es sogar einen Mister Goldfinger. Der aber war ein Bösewicht. Ein Goldfingerzeig?

Fest steht, dass mittlerweile schon wieder ein neues finsteres Zeitalter angebrochen ist. Allein der vergangene Winter und selbst das junge Frühahr versprechen anhaltende, anheimelnde Dunkelheit mit maßgeschneiderter Kälte.
Leider will das gar nicht so recht in die apokalyptische Klimaideologie passen. Na, wir werden schon noch erfahren, warum vor der Hitze die Kälte kommt.
Ein Zeitalter der Finsterlinge ist es auf jeden Fall, da können die Obscuri nach Gutdünken und mit Lust schalten und walten und im Trüben des gesamtglobalen Bruttosozialprodukts fischen.
So stellt sich erneut die Frage, ob das nicht schon immer so war, dieser ewige Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Immerhin war es der Nucleus der Lehre Zoroasters bereits vor 4000 Jahren. Es ist ein Kampf, der vom Guten nie gewonnen werden kann, weil das Böse halt das Gewaltmonopol besitzt.
Resümee: Es gibt nix Neues unter der Sonne, zwar keinen Goldfinger mehr, dafür aber umso mehr Geldfinger, die ihre Finger überall drin haben. Nicht im Film, sondern realiter.
Im schönen Brixen ist der „Oste scuro“, der „Finsterwirt“ zuhause. Zumindest für die Touristen besteht daher Hoffnung, denn der ist ein freundlicher Mann, und der berühmte Richter gleichen Abstammungsnamens begegnet einem da sicher nicht, es sei denn, er macht zufällig auch Urlaub.
Es ist die Hoffnung, dass es wenigstens in diesem paradiesischen Land einen hellen Sommer sowie goldenen Oktober beim Törggelen geben wird, und statt des Schlangenapfels kann man vom Birnenschnaps nicht genug kriegen. Das wär´ doch schon was, nicht?
Also auf nach Südtirol!
Das ist zudem auch deutsch.