Grand Prix – aus der Sonderwelt der populären Musik

Als Amadeus gegen 22 Uhr völlig vermummt zum Rheinufer zurückgebracht wurde, schien die Kacke am Dampfen. Didi schüttelte hinter der Bühne den Leadsänger von Modern Stalking am Revers seines Glitzeranzugs.

Das war das Mieseste, was ich bisher sah in meinem Leben, du Pavianarsch! Und du Saftsack da warst auch nicht besser. Na wartet, das wird Konsequenzen haben. Das habt ihr mit Absicht gemacht. Dagegen war der müde Soundcheck heute vormittag ein Märchenauftritt. Wer hat euch dafür bezahlt? Antwort? Ich werde gerichtlich gegen euch vorgehen. Wegen positiver Vertragsverletzung. Vorsätzliche Geschäftsschädigung ist das, jawoll! Darauf stehen mindestens drei Jahre!

Friedhelm war irritiert. Nicht nur wegen der unguten Stimmung, die anscheinend durch einen schlechten Auftritt der Gruppe ausgelöst worden war.
Er war auch irritiert wegen der drei Jahre, die der Boss ins Feld führte. Ein verpatzter Künstlerauftritt fiel doch nicht unter das Strafrecht. Was quatschte der daher?

Was rede ich? Fünf Jahre! Plus anschließender Sicherungsverwahrung! Ich werde euch jetzt festnehmen lassen, ihr Pack! Security! Security, Managing Director! Knut, wo bist du?!

Knut und seine Mannen waren schon da, zückten Handschellen mit dem Firmenemblem und machten Anstalten, die beiden schreckensbleichen Künstler von Modern Stalking in Gewahrsam zu nehen.
Amadeus spürte, daß er einschreiten mußte. Er zog Didi zur Seite.

Mensch Didi, was du da tun willst, ist Freiheitsberaubung! Du kannst doch die Burschen nicht einsperren oder was auch immer. Das gehört doch in den Bereich des Zivilrechts, Mann! Die fünf Jahre kriegst dann höchstens  d u . Und zwar nach § 239 Strafgesetzbuch…

Didi stemmte die Fäuste in die Hüften und kniff die Lippen zusammen. Man sah, wie er mit sich kämpfte.

O.k., Amadeus, auf deine Verantwortung. Ich werde das durch meine Anwälte prüfen lassen.

Er wendete sich wieder den Musikern zu.

Vorerst will ich Gnade vor Recht ergehen lassen. Rechnet in jedem Fall mit fristloser Kündigung, verstanden? Und Schadensersatzforderungen in astrologischer Höhe. Die könnt ihr euch ja von dem zurückerstatten lassen, der euch dazu angestiftet hat. Haut ab, aber ein bißchen plötzlich! Amadeus, fertigmachen! Hier ist die Requisite, hat gerade noch geklappt. Das ist  d a s  Ding überhaupt. Also rein da, es ist gleich so weit.

Da stand eine mannhohe Kugel, die der Requisiteur jetzt öffnete. Und zwar genau in der Mitte zwischen dem afrikanischen und amerikanischen Kontinent.
Amadeus zuckte zurück.

Was… was ist das, Didi?

Das sieht man doch. Eine Weltkugel ist das. Du wirst einer Weltkugel entsteigen. Wie Fönix damals aus dem Aschenkasten von Rom stieg. Das ist der absolute Knaller, das Publikum wird toben. Die sind sowieso schon mega ausfgeheizt. Ungefähr 4000 Leute hocken da draußen und warten auf dich. Die Ankündigung der Sensation schlechthin,, geheimnisvoll verschlüsselt, wurde immer wieder durchgegeben, auch von den Kollegen Künstlern… außer diesen Versagern, das beweist doch, daß sie deinen Auftritt boykottieren wollten oder nicht? Vielleicht lasse ich sie doch noch festnehmen, wenn sie sich nach deiner Performance noch hier herumtreiben sollten. Was ist, geh rein da!

Friedhelm war schlohweiß im Gesicht und zitterte wie Espenlaub.

Das… das geht nicht, Didi… ich habe Platzangst, wirklich, das kann ich beweisen, mein Doktor…

Red keinen Quatsch! Es gibt kein Zurück, verstehst du? Knut, her da!

Knut, mein Freund, mein einziger Freund, bitte nicht, bitte, bitte…

Ehe Friedhelm es sich versah, war er mitsamt seinem Akkordeon in die Kugel gezwängt, und die Scharniere schnappten zu. Die Kugel hing an einem Seil und wurde etwa zehn Meter hochgezogen. Dann schwenkte der lange Arm des Krans in  Richtung Bühne.
Joe wollte soeben die Regler für das Playback hochfahren, als im Publikum Unruhe entstand.
Trillerpfeifen gellten über das Gelände, Transparente wurden entrollt.

ES GIBT NUR EINEN HEINI

FINGER WEG VON HEINI

Die Störer, mehrere Kleingruppen, die sich geschickt unter das Publikum gemischt hatten, skandierten Hei-ni, Hei-ni, Hei-ni, Hei-ni und bliesen in die Trillerpfeifen, als sei der halbe Deutsche Gewerkschaftsbund versammelt.
Didi kochte vor Wut.

Los, Joe, ganze Lautstärke! Die werden wir wegblasen. Wetten, daß das mit Modern Stalking zusammenhängt? Das wird einen Prozeß geben, einen Jahrhundertprozeß, das verspreche ich dir. Wir müssen anfangen, sonst geht Amadeus uns ein in der Kugel. Gib Gas, Joe, James Wattson soll in seinem Grab tanzen!

Als Joe startete, war von den Trillerpfeifen nichts mehr zu hören, die Transparente verschwunden.
Didi blieb keine Zeit mehr weiterzurätseln, denn Knut meldete, die Burschen seien bereits eliminiert und festgesetzt. Er würde schon herausfinden, was das zu bedeuten hätte.
Didi sprang auf die Bühne wie ein Hartgummiball, breitete die Arme aus und verbeugte sich fast bis zu den Brettern. Tosender Applaus belohnte ihn für diese Geste der geschäftsmäßigen Unterwerfung.

Liebe Freunde, es ist soweit. Ich habe die große Ehre, euch jetzt das Jahrhundertereignis anzukündigen, auf das ihr so lange gewartet habt. Laßt euch überraschen, ihr werdet diese absolute Weltpremiere nie vergessen. Die Welt gebiert ein Genie, seht selbst! Ten, nine, eight…

Während des Countdowns, den er stimmgewaltig steigerte, schwebte in Zeitlupe die Weltkugel hernieder. Gleichzeitig zerplatzten die ersten Granaten eines Riesenfeuerwerks, und der Kölner Dom zuckte unter den Kanonen des Laserstroposkops. Aus verborgenen Kratern auf der Bühne, die in bengalischen Feuern erglühte, schossen Geysire von gebündelten Flammen.

Zero! Ground Controll! We have Touch-Down! Whoooouuuwh.. Hier ist… Ammmmadeus Emmmmmmmmmm!!!.

Wie von Geisterhand öffnete sich die Kugel zwischen den auseinandertriftenden Kontinenten, und Friedhelm fiel heraus.
Sofort war Nina zur Stelle, die beinahe vergangen war, als man ihren Amadeus dort hinein verbannt hatte. Geistesgegenwärtig tat sie, als müßte sie den Zitternden von den Eierschalen seiner Geburt befreien.
Didi war mit einem Sprung neben dem seekranken Künstler und warf ihm ohne Rücksicht auf Verluste das Akkordeon über die Schulter.
Joe fuhr übergangslos in das Playback des Hits ein, an dem er so lange gerackert hatte, und ab ging die Post.
Glücklicherweise lenkten die Chorstatistenmädels unter Gretchens Führung das Publikum so lange ab, bis dieses fast erschlagen wurde von der Perle Tirols, die nun in wummernden Wogen eines knallharten Vierviertelbeats aus dem grünen Inn über das Rheinufer von Köln schwappte.
Nina schwitzte nach wenigen Sekunden, als sei sie soeben nicht wie ihr Amadeus aus der Weltkugel, sondern aus der Sauna gestiegen, stützte Amadeus hinter dem Vorhang der choreographisch perfekt tanzenden Girls so gut es ging und schrie sich die Seele aus dem Leib

... Kufstein, Kustein, grüner Inn…
… Perle, Perle, mittendrin…
… Urlaub, Urlaub wieder aus…
… und ich hock allein zuhaus…
… Berge, Berge, himmelwärts…
… Kufstein, fühlst du meinen Schmerz…

Aber auch Amadeus hatte sich schneller gefangen, als er es sich selbst zugetraut hätte. Seine Motivation war eine Stinkwut auf Didi und seinen „Freund“ Knut. Sie bezwang sogar die Nachwirkungen der kurzen Claustrophobie, für die er ein medizinisches Gutachten vorweisen konnte.
Nach sieben Minuten war der Spuk von Kufstein und dem Junge, der nie wieder hinausfahren sollte, vorüber.
Didi ließ keine Zugabe zu, obwohl die Massen tobten und schrien wie sonst nur im Stadion, wenn einige Bayern aus München gegen irgendwelche Preußen im Westen oder hoch im Norden Fußball spielten.
Friedhelm sank hinter der Bühne ins Gras. Er hatte von allem fast nichts mitbekommen. Nina kniete neben ihm, streichelte ohne Unterlaß sein Gesicht und weinte Tränen des Glücks.
Didi erschien mit von Stolz geschwellter Brust.

Das war´s, Junge. Für´s erste, will ich sagen. Glückwunsch. Warum sagtest du mir das mit der Platzangst nicht vorher? Hätte auch schiefgehen können. Darf nicht mehr passieren in Zukunft, sowas. War ohnehin schwer genug, eine Weltkugel für dich zu kriegen. Sowas haben sonst nur die Amis. Auch die werden sich noch wundern, das verspreche ich ihrem Präsidenten hiermit in die Hand.

Knut kam herbei.

Chef, ich hab´ mich ein bißchen mit den Störern unterhalten. War leider hochnotpeinlich, weil sie zuerst nicht rausrücken wollten. Aber dann redeten sie, besser gesagt, sie sangen wie die Chormädels. Alle einzeln und schön der Reihe nach und vor allem übereinstimmend. Halt dich fest: Ihr Auftraggeber ist Frankie Fahrenheit. Mehrere schriftliche Geständnisse liegen vor. Was sagst du jetzt, hm?

Didi schlug sich auf die Schenkel und meckerte wie nie zuvor.

Mensch Mann, Knut, Konjo, du bist´n Faß! Hey, Joe, das paßt wunderbar! Jetzt hab´ ich ihn in der Hand. Wenn das alles so richtig angelaufen ist, werde ich ihn an die Wand drücken: Entweder Zustimmung zu Amadeus Emmm mmmeets Mmmmozarts Black Sisters Money Emmm oder einen Ausflug in astrologische Schadensersatzforderungshöhen! Da wird er zucken, der alte Möchtegern, he, hehehehe, he, he…

Astronomisch, Didi…

Wat meinste? Das wird´n Schlachtefest, sag´ ich euch! Seht euch nur die Leute da draußen an, wie sie toben! Da müßte er ja außerdem saudumm sein, wenn er nicht sogar freiwillig mitzöge. Aber ihn jetzt in der Hand zu haben, ist mir das größte Vergnügen seit langem.

Die Leute draußen waren tatsächlich vollkommen aus dem Häuschen. Friedhelm, dem noch immer ganz blümerant war, wurde deshalb mit einer Wolldecke verhüllt und durch die Massen bugsiert.

A-ma-deusEmm, A-ma-deusEmm, A-ma-deusEmm…

Er hörte es zwar, doch es war ihm völlig schnuppe. Ein zweites Mal würde er sich das nicht gefallen lassen. Und wenn er die ganze Welt in Miniatur zerschlüge.